Peter Handke – Kali. Eine Vorwintergeschichte
Ja, er kann es noch, das mag das voller Erleichterung gezogene Fazit nach Peter Handkes Kali. Eine Vorwintergeschichte sein – Erleichterung deshalb, weil damit Don Juan (erzählt von ihm selbst) nach dem eher bescheidenen Lucie im Wald mit den Dingsda eine wirkliche Trendwende markiert und sich nicht bloß als glücklicher Ausrutscher nach oben entpuppt hat. Und auch wenn sich Kali mit dem Vorgänger inhaltlich nicht überschneidet, gibt es dennoch Parallelen, die die Novelle als Weiterentwicklung jener Ideen erscheinen lassen, die bereits in Don Juan angeschnitten worden waren. Neben dem geradezu obligatorischen Setting “Handke-Land”, einem nicht näher bestimmbaren Ort irgendwo in Zentraleuropa, in der Provinz, ist es wieder das Märchenhafte, das eine entscheidende Rolle spielt. Doch anders als in anderen Werken des Österreichers rückt es in Kali dahingehend in die Nähe des Don Juan, dass es eine mythische Färbung erhält, eine Archaik, die zu ihrer Gänze in der säkularen Gegenwart aufgeht und diese durchdringt. War es im Vorgängerwerk der Titel gebende Protagonist, der auf der Flucht über die Gartenmauer des Erzählers sprang und so – den Mythos im Gepäck, in den Adern, in der Biographie – das Leben eines Fremden bereicherte und sein eigenes Schicksal herbeierzählte, sind es in Kali abermals die Worte, die die Grenzen der schlichten Kommunikation überschreiten: Sie sind nicht länger nur Mittel zur Verständigung, sind keine Signifikanten mehr, sondern stehen auf einer Stufe mit dem Signifikat. Das Wort ist die Handlung, und so hat die Protagonistin, sobald sie einmal gesprochen hat, keine andere Wahl, als das Gesagte in die Tat umzusetzen. Sprache wird nicht nur ritualisiert, sondern in der gleichzeitigen Abschaffung und Aufwertung des Rituals geht auch jeder Unterschied zwischen dem Zeichen und dem Gemeinten verloren. “C’est ne pas une pipe”? Bei Handke schon, und so ist der antimoderne Gestus, der in Kali immer wieder aufscheint, in diesem Kontext des Mythenschwangeren zu sehen, in dem Wunsch, dem Relativismus ‘die (universale) Geschichte’ entgegenzusetzen.
Unsere Jetzt-Leute zielen nicht erklärt auf das Unheil ab. Sie sind das Unheil. Das schuldlos Schlechte nimmt inzwischen, machtvoll und auch nicht mehr zu bekämpfen, die Stelle des einstigen Bösen ein. (S. 82)
Passagen wie diese lassen das antimoderne Moment in Kali deutlich offener zu Tage treten als in Don Juan, selbst wenn es in letzterem wenigstens angelegt war, ohne dass es allerdings die Chance gehabt hätte, an die Oberfläche zu dringen. Dass Handke es mit solch einem Habitus nicht schafft, seinem eigenen Anspruch zu genügen, mit Sprache einen “ideologiefreien Raum zu erschaffen”, wie er neulich in einem Interview verkündete, darf nicht wundern – der Qualität von Kali tut dies allerdings keinen Abbruch, auch wenn Don Juan noch eine Spur stärker war als die Vorwintergeschichte.
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