Josef Winkler – Natura morta. Eine römische Novelle
Man stelle sich vor, Jean Genet habe eine Geschichte geschrieben, von der niemand etwas wüsste und die zufälligerweise von einem Maler entdeckt würde. Man stelle sich weiter vor, dass dieser Maler umgehend nach der Lektüre sich daran machte, ebenjene Geschichte als Bild auf eine Leinwand zu bringen – und dieses so geschaffene Bild würde von einem Autor – in diesem Falle Josef Winkler – zu einer Novelle verarbeitet.
Es ist die Geschichte dieser fiktiven Ekphrasie, die sich der in Natura morta. Eine römische Novelle herrschenden Atmosphäre am adäquatesten nähert: Eine Handlung gibt es so gut wie gar nicht, sondern entwickelt sich in rudimentärster Form erst gegen Ende des schmalen Bändchens und ist für die Erzählung auch nicht von Belang, da das eigentliche Augenmerk des Erzählers auf der Stimmung liegt, die das bestimmende Moment ist und Natura morta in jedem einzelnen Satz durchdringt. Das römische Markttreiben mit seiner Vielzahl von Sinneseindrücken, mit seinem Blut und Fleisch, mit seinen über all herumkrabbelnden Fliegen und verelendeten Menschen, mit seinen verdorbenen Früchten, seinem grellen Kitsch und seiner (homo)sexuell aufgeladenen Atmosphäre schäumt dabei nur so über vor einem orgiastischen, rauschtrunkenen Katholizismus, der sich an jedem Exzess labt und von aus diesem Kraft schöpft; hier schwingt die Häresie in jeder Nuance mit und ist ob ihrer schöpferischen Natur doch wohlgelitten. Keine Frage, ein “Preuße” oder Protestant hätte Natura morta nicht zu schreiben vermocht, hätte jenen doch das Bewusstsein für Körperlichkeit und Materialität gefehlt, von dem Josef Winkler in seiner Novelle reichlich Zeugnis ablegt und das wohl eines der wesenhaftesten Unterschieden zwischen (gefühltem) Katholizismus auf der einen und Protestantismus auf der anderen Seite ist.
Zieht man all dies in Betracht, nimmt es nicht wunder, dass man an mancher Stelle der Erzählung meint, es mit einer alternativen Vorgeschichte zu Genets Das Totenfest zu tun zu haben; die idealisierende Ästhetisierung des “Dreckigen”, “Verdorbenen”, “Schamlosen” und “Ekelhaften” findet sich allenthalben und begleitet den Protagonisten, einen schönen Jugendlichen mit langen Wimpern, durch dessen letzte Stunden. Zwar handelt es sich bei Natura morta fraglos um keinen Text für jede Gelegenheit, doch wer mit Handlungsabstinenz kein Problem hat und sich überdies für Dekadenzliteratur im Allgemeinen und Genet im Speziellen erwärmen kann, wird gewiss seine Freude an dem Büchlein finden.
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