Gabriele d’Annunzio – Das Opfer
Wenn Armin Mohler in seinem Aufsatz “Der faschistische Stil” von Gabriele d’Annunzio sagt, er bewege sich stets an der Grenze zur (Selbst-)Persiflage und überschreite diese mitunter sogar, so ist diese Erkenntnis nicht nur auf den Habitus des Italieners zu beziehen, sondern kann auch ohne viele Bedenken auf sein literarisches Schaffen ausgeweitet werden: Sicher, einer der wesentlichen Aspekte der Dekadenz ist ihr Ästhetizismus, der sich in der Literatur allzu oft in überbordenden, üppigen Satzfluten verwirklicht, doch ist d’Annunzio eine so klebrige Süße und ein so dick aufgetragener Duktus zu Eigen, dass er dem Leser oftmals die Luft zum Atmen stehlen zu wollen scheint. Auch wenn dieses Merkmal nicht ganz so augenfällig zu Tage tritt wie in Das Feuer, so ist Das Opfer dennoch unverkennbar ein ‘echter d’Annunzio’, beispielsweise wenn sich Guliana “voll an mich [lehnte]: mit einer jener nur ihr eigenen unbeschreiblichen Bewegungen, in der so viel an zärtlicher Hingabe lag, wie nur das weiblichste Geschöpf sie einem Manne entgegenbringen kann.
- Schöne, du! Schöne, du!” (S.125)
Eine solche Passage hätte genauso ihren Platz in Das Feuer finden können wie Tullios stete Erregung über die Schatten der Wimpern seiner Frau, die wiederholt “auf ihrer Wangen Grat” geworfen werden – doch täuscht keine der genannten Ingredienzien darüber hinweg, dass Das Opfer ein seltsames Zwitterwesen ist, eine Vorausdeutung auf späteres Schaffen des Autors genauso wie auf die kommende Dekadenzliteratur als literarhistorisches Phänomen. Auf stilistischer wie motivischer Ebene finden sich zahlreiche Elemente, die als genuin dekadent betrachtet werden dürfen, die in der Sprache ihre Entsprechung findende Sinnlichkeit genauso wie die überempfindsamen, überspannten Charaktere, die wahlweise kränkeln oder aber einen hochgradig verfeinerten Geschmack herausgebildet haben, Charaktere, die für die verstecktesten Nuancen in ihrem Gegenüber empfänglich sind und ihr Leben der Suche nach den erlesensten Genüssen widmen – und doch durchziehen gleichzeitig gänzlich untypische Öffnungen den gesamten Roman: Mag man die in der ersten Hälfte dominierende ( und durchaus zutreffende) Selbstreflektion Tullios, die seine Rechtfertigungsversuche vor sich selbst als bloße Augenwischerei entlarvt, noch als das luzide Sinnieren eines so wachen wie erbarmungslosen Geistes deuten, der sich aufgrund seiner eiskalten Schärfe innerhalb des zu erwartenden dekadenten Koordinatensystems bewegt, so vermag eine solche Interpretation bei dessen Bruder Federico und Giovanni di Scòrdio einer genaueren Prüfung nicht mehr standzuhalten. Anders als andere Genrevertreter – sei es Das Feuer, Octave Mirbeaus Der Garten der Qualen oder, als Nachzügler, das Schaffen Jean Genets – funktioniert Das Opfer nicht als hermetisch abgeschlossener Raum, als verriegelt-selbstzirkualtives Universum der Dekadenz, sondern etabliert einen Kosmos, in dem der dekadente Status Quo für den Protagonisten ganz klar negativ konnotiert ist, während er die Erlösung zwar vor Augen hat, ohne sie allerdings greifen zu können. Seinem Habitus, und damit verbunden, dem Niedergang unfähig zu entkommen, erblickt Tullio in seinem Bruder und dem Alten Giovanni die heilsbringenden Gegenentwürfe zum eigenen Leben: Persönlichkeiten von einem Schlage Isaks sind sie, selbstgenügsame, weise Seelen von edler Schlichtheit, die ihr Glück im einfachen Bauernleben gefunden haben, von dem sie gänzlich erfüllt sind und das ihnen einen Adel verleiht, auf den Tullio niemals hoffen darf. Der eine oder andere Leser wird hier Hamsuns Segen der Erde zumindest in Ansätzen vorweggenommen meinen und dabei übersehen, dass d’Annunzio weit eher zurück als in die Zukunft greift, belebt er doch das romantische Motiv der Pastorale wieder, indem er das ländliche Idyll zum Ziel und Mittel sittlichen Handelns überhöht, das einen Fluchtpunkt all jenen bietet, die stark genug sind, ihr Tun auf einem entsprechenden ethischen Fundament fußen zu lassen – eine Prämisse, die Tullio einzulösen außerstande ist.
Der Entwurf einer solchen Dichotomie ist fraglos ungewöhnlich für die Entstehungszeit des Romans und insbesondere für d’Annunzio, doch gerade dieses Spannungsfeld aus Dekadenz und – unerreichbarer – Erlösung ist es, das Das Opfer zu einem aus literarhistorischer Perspektive spannenden Roman macht und von anderen Vertretern seiner Art abhebt.
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