Schlossblick

F. Scott Fitzgerald – The Beautiful and Damned

Posted in Das Wort by schlossblick on August 16, 2009

Auf sprachlicher Ebene sind es Eloquenz und Eleganz, ist es die totale und geradezu erbarmungslose Geschliffenheit der Sätze, während es hinsichtlich des Inhaltes mal zynische, mal verzweifelte Charaktere, eine dekadente Gesellschaft sowie ein ambivalenter Erzähler sind: samt und sonders Attribute, die das Werk F. Scott Fitzgeralds auszeichnen, und The Beautiful and Damned bildet diesbezüglich keine Ausnahme. Auch wenn es einen verhältnismäßig frühen Platz im Schaffen des Amerikaners einnimmt, finden sich hier doch bereits alle Merkmale, die für Fitzgeralds Prosa charakteristisch sind. Selbst wenn man so weit zu gehen wagt und dem Roman attestiert, die Größe eines The Great Gatsby oder Tender is the Night lediglich vorauszuahnen, bleibt unterm Strich immer noch ein “sehr gut” als Fazit. Zwar mag sich der zweite Roman Fitzgeralds streckenweise ein wenig ziehen und die eine oder andere Episode enthalten, die nicht wirklich essentiell für Handlung und Charakterentwicklung ist, doch ändert dies nichts an dem Umstand, dass das Gesamtwerk eine Schönheit ausstrahlt, die zu erschaffen nicht vielen anderen Autoren vergönnt ist. Fitzgerald “had one of the rarest qualities in all literature … charm – charm as Keats would have used it … a kind of subdued magic, controlled and exquisite”, wie es Raymond Chandler einst formulierte.

Anders als in seinen späteren Romanen bleibt Fitzgerald ganz nah an seinen Charakteren und der Gesellschaft, in der sie sich bewegen, urteilt über sie, ohne allerdings, wie etwa in The Great Gatsby, auf ein (quasi)transzendentes Heil hinzudeuten. Mag Gloria auch für einen kurzen Moment auf ein “green light” zugehen, wird sie trotzdem schon bald vom sie verfolgenden Anthony und dessen Freunden eingeholt. Alternativen zum Status Quo zeigt Fitzgerald zwar auf, doch scheut er sich, diese als wirklich gangbaren Weg zu einem besseren Leben zu postulieren: In seinem Großvater Adam findet Anthony Patch die Verkörperung all dessen, was er nicht ist – reformeifriger Prohibitionist, Self-made Man und unnachgiebiger Moralist. Mit protestantischem Rigorismus hat es der Ahne zu beträchtlichen Wohlstand gebracht und betrachtet sich selbst als lebendes Beispiel für die Allgemeingültigkeit und Funktionstüchtigkeit der von ihm verinnerlichten Prinzipien. Auf diese Perspektive verengt, fällt es nicht schwer, The Beautiful and Damned als warnendes Lehrstück für angehende Kapitalisten zu lesen, doch ist Anthony die Verabsolutierung der protestantischen Arbeitsethik und der keine Widersprüche duldende Weltverbesserungsfuror seines Großvaters genauso suspekt wie dem Erzähler, der es sich nicht nehmen lässt, auf die Mängel das Alten im zwischenmenschlichen Bereich zu verweisen. Sieht man Adam und Anthony (und mit ihm einhergehend, die gesamte Gesellschaft, in der er sich bevorzugt bewegt) als Stellvertreter der beiden großen widerstreitenden Mächte, die in den USA des frühen 20. Jahrhunderts um die Vorherrschaft streiten, ist es nur konsequent und schlüssig, wenn dem ‘anpackenden’ harten Adam – fast könnte man meinen, den letzten heroic artisan in ihm zu erblicken – eine durch und durch infantile Gegenwartskultur entgegengestellt wird: Nicht nur Gloria besitzt ein “child-like heart” (S. 184), sondern Anthony mit ihr: Stets träumen sie von der Zukunft, ohne je ernsthaft konkrete Schritte zu gehen, um diese Vision Wirklichkeit werden lassen. Mal malen sie sich eine fernes Glück als kinderreiches gealtertes Diplomatenehepaar nach ihrer Rückkehr aus Europa aus, mal imaginiert Anthony, “I’d sort of like to have a place in the country, somewhere near New York, of course, where I could write – or whatever I decide to do.” (S. 139) Arbeit im Allgemeinen und Schreiben im Besonderen wird nicht mehr als Notwendigkeit betrachtet, sondern als Distinktionsmittel, mit dessen Hilfe man einen gesellschaftlichen Kommunikationsprozess in  Gang setzt und betreibt. In diesem Kontext ist auf die sich dem Zitat anschließende Sorge Glorias zu sehen, wenn sie sich empört, was sie denn machen solle, während ihr Mann arbeite. Wie bei seinem Zeitgenossen Heinrich Mann in Im Schlaraffenland ist bei Fitzgerald Autorschaft – respektive der Traum davon – nicht mehr Ausdruck von Berufung, sondern löst sich in gesellschaftliche Interaktion auf, die das ‘Bild des Autors’ und die reine Textproduktion in zwei voneinander unabhängige Größen aufdröselt. Anders als Mann – oder Chuck Palahniuk in Haunted – verurteilt Fitzgerald die Lebensentwürfe seiner Protagonisten jedoch keineswegs, sondern bringt ihnen tiefe Sympathie entgegen, auch wenn er die Notwendigkeit des Scheiterns ihrer Konzepte erkennt. Gerade weil Anthony und Gloria in ihrem Verhalten und ihren Lebensentwürfen schön sind, sind sie verdammt, und ihre Verdammnis ist der Quell ihrer Schönheit. Beautiful und damned lassen sich nicht auseinanderdividieren: Das eine ist die Bedingung für das andere. Ebendies ist auch der Punkt, an dem sich Fitzgerald fundamental von Bret Easton Ellis unterscheidet, der oft mit ihm verglichen wird: Zwar leb(t)en beide in einem ambivalenten Verhältnis zur Oberschicht ihrer Zeit, doch während Ellis das Leben der High Society in seinen Romanen bedingungslos verurteilt, fand der Zauber, der für Fitzgerald von den Reichen und Schönen ausging, seinen Weg in dessen künstlerisches Schaffen. Die Bewunderung und das Abgestoßensein, die sich hier auf gleicher Augenhöhe begegnen, sind der Dualismus, der die Prosa eines ohnehin grandiosen Stilisten noch außergewöhnlicher werden lässt.

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