Botho Strauß – Vom Aufenthalt
Es war schon immer so, und auch mit dem aktuellen Band verhält es sich nicht anders: Botho Strauß zu lesen, heißt, zum Klausner zu werden, heißt, sich in eine imaginäre Waldhütte zurückzuziehen, heißt, die Gesellschaft der Bücher derjenigen der Menschen vorzuziehen und sich kauernd Wort für Wort den Text zu erlesen. Man spürt den Silben, den Sätzen nach, erschließt sich das Gelesene mit anachronistischer Langsamkeit und findet sich zugleich in einem Sog wieder, dem sich der geduldige Leser, der seinem Gegenstand mit Sorgfalt und Achtung begegnet, nur schwer zu entziehen vermag.
Anders als Strauß’ letzte Werke, Mikado und Die Unbeholfenen, sucht Vom Aufenthalt wieder die Nähe zur Schaffensperiode der späten 80er und 90er Jahre, in der der Autor immer fragmentarischer, immer – im Sinne eines Davila – konzentrischer schrieb und auf eine kontinuierliche Handlung gänzlich verzichtete. Selbst wenn diese ästhetische Rückbesinnung den Text – denn um einen Roman handelt sich bei Vom Aufenthalt ganz gewiss nicht – kaum zu einem gelungenen Einstieg in das Strauß’sche Universum werden lässt, schreitet der in Berlin und der Uckermark lebende Autor unbeirrt auf jenem Pfad weiter, auf dem er seit ungefähr 15 Jahren wandert: Einerseits ist er ganz nah an seinen Protagonisten, bemerkt noch die geringste Geste, in der doch nichts als Einsamkeit, Resignation und empfundene Kälte zum Ausdruck kommen, während er andererseits mit scharfem Blick in die Vergangenheit späht, um dort all jenes aufzuspüren, das sich nicht hat bis in die Gegenwart bewahren können, all jenes, das verschütt gegangen ist im Namen von Fortschritt, (vulgarisierter) Aufklärung und (missverstandener) Emanzipation. Diese beiden Stränge – den des persönlichen und den des kulturhistorischen Dramas – verwebt Strauß geschickt miteinander, so dass er zum Chronisten des Verlustes und – um erneut auf Davila zu rekurieren – “Parteigänger verlorener Sachen” (Till Kinzel) wird. Zwar trifft dies auf praktisch die gesamte schriftstellerische Tätigkeit Strauß’ zu, doch befleißigt er sich in Vom Aufenthalt (und diese Feststellung ist keineswegs negativ zu verstehen) eines altersweisen Habitus’, der seit Die Fehler des Kopisten in sein Werk Einzug gefunden hat. Diese Haltung, die den gesamten Band durchweht, stört in keinem Augenblick, wirkt nicht ein einziges Mal herablassend oder aufgesetzt, sondern fungiert als Filter, mit dem das Beschriebene dem Leser erträglich wird. An Stelle der früheren ätzenden Bitterkeit und der idealistischen Verzweiflung ob der Diskrepanz zwischen Sollen und Sein tritt das halb trotzige, halb beherzte „old men ought to be explorers“ (Seite 15), das sich als Motiv durch das gesamte Buch zieht. Botho Strauß hat für sich schon lange die Rolle des Einzelgängers, der Kassandra und des Gralshüters alles Zurückgelassenen und für unwichtig Erklärten gewählt und füllt diese einmal mehr mit Leben aus.
Man muß nur wählen können; das einzige, was man braucht, ist der Mut zur Sezession, zur Abkehr vom Mainstream. Ich bin davon überzeugt, daß die magischen Orte der Absonderung, daß ein versprengtes Häuflein von inspirierten Nichteinverstandenen für den Erhalt des allgemeinen Verständigungssystems unerläßlich ist.
Dies schrieb Strauß bereits 1993 in seinem „anschwellenden Bocksgesang“, und genau dies ist das Diktum, dem sich Vom Aufenthalt – trotz aller Distanzierungen des Autors von jenem Skandal erregenden Aufsatz – verpflichtet fühlt.
PS: Der Link zum “anschwellenden Bocksgesang” führt lediglich zu einer gekürzten Version des Aufsatzes. In voller Länge ist er online – soweit ich weiß – nicht zugänglich.
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