Schlossblick

Jenny Erpenbeck – Heimsuchung

Posted in Das Wort by schlossblick on Juni 19, 2010

Sie besticht, diese Versuchsanordnung, besticht durch Kohärenz und Konsequenz. Vom ersten Satz an ist Heimsuchung auf die Pointe ausgerichtet, ohne dabei den Weg dorthin zum bloßen Mittel zum Zweck zu degradieren, verweist mit seiner Beschreibung prähistorischer Entwicklungen auf eine quasi zeitlose Epoche der Abwesenheit menschlicher Schöpfung  (im doppelten Wortsinne) – einer Abwesenheit, die am Ende des Kurzromans wieder aufscheint – und lehnt sich mit diesem zyklischen Weltbild nicht nur an die großen Sagas an, sondern zollt – ob gewollt oder ungewollt – den Konzepten der anthropofugalen Philosophie respektive Literatur Ulrich Horstmanns Tribut. Wenn jener postuliert (und das Postulieren ist eine seiner großen Leidenschaften), dass das Leben eine Verirrung des Kosmos’ sei, die instinktiv danach strebe, sich selbst zu korrigieren, das heißt auszulöschen, um die Totalität toter Materie in ihren nunmehr verloren gegangenen Urzustand der Harmonie zurückzuführen, darin eine – wenn auch modifizierte – Blaupause für Jenny Erpenbecks jüngstes Prosawerk erkennen zu wollen. Wenn auch ganz und gar dem Ekel und der überschäumenden, Gift und Galle spuckenden Misanthropie eines Horstmann ledig, ist das (menschliche) Leben in Heimsuchung flüchtig, sind die Menschen eher vage Schemen als konkrete Individuen, zumeist anonym, kurze Episoden in der Geschichte des Hauses anstatt autonom auftretende Subjekte, denen eine eigene Gestaltungskraft zu Eigen wäre. Ganz nach Horstmanns Geschmack dürfte es sein, wie die gesamte Handlung als Störung der Ewigkeit inszeniert wird und wie vor allem das vorläufige, auf Auflösung gerichtete Moment des Ganzen von Beginn an die Grundfärbung bestimmt: Dass keine der Töchter des Dorfschulzen ein Kind zu zeugen vermag und dadurch die Familie ausstirbt, ist kein tragischer Einzelfall, sondern das erste Exempel einer unausweichlichen Seinsweise, die ganz und gar auf die kollektive Rückkehr ins Vomenschliche zielt.

Gerade weil den Hausbewohnern schon aufgrund der Romanprämisse etwas Vorübergehendes, etwas Zeitweiliges anhaftet, das sie in bloße Gäste verwandelt, deren Aufenthaltsende gleichermaßen absehbar und unausweichlich ist, findet sich in dem damit einhergehenden angeschlagenen leisen Tonfall eine Ähnlichkeit zu jenen Protagonisten, die die Romane und Novellen Botho Strauß’ bevölkern. Hier wie dort gleite sie unaufgeregt aneinander vorbei, geben sich die Klinke in die Hand, ohne sich (wenn überhaupt) anders als nur beiläufig wahrzunehmen und dem Gegenüber kein unergründliches Rätsel zu sein, über das vielleicht reflektiert, das allerdings nie (in zweifacher Hinsicht) wirklich begriffen zu werden vermag. “Das Aug in Aug ist die unveränderliche Blöße und das Licht der Unerreichbarkeit zwischen zwei Menschen.” (Strauß) Anders als dem Einsiedler aus der Uckermark geht es Erpenbeck aber nicht um das Wehe des Menschen in der Moderne, sondern um den homo sapiens sapiens als Statisten auf der großen Bühne der Zeit, der für den Betrachter dieses Schauspiels zwar kurz von Interesse, nie allerdings als separates Individuum von Relevanz sein kann. Der Einzelne verschwindet stets im Weltenlauf, selbst wenn sich der Zuschauer auf einen solch begrenzten Flecken wie ein Haus konzentriert. Im Streben eines Jeden, irgendwo anzukommen und ein ‘Heim zu suchen’, wird er als beispielhafter Vertreter seiner Spezies (und im Verbund mit ihr) selbst zur titelgebenden Heimsuchung nicht nur für den Planeten, sondern für das gesamte Universum in dessen zeitlicher Bedingtheit.

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