Karl-Heinz Ott – Ins Offene
Dass Karl-Heinz Ott ein Wortfeiler hohen Ranges ist, steht ganz außer Frage. Ein Satz ist geschliffener als der andere, der wiederum sich harmonisch zwischen Vorgänger und Nachfolger einfügt, ohne dass ein Bruch festzustellen wäre. Auf Klang und Rhythmus genaustens geprüft, werden die Sentenzen eins und mäandern sich grazil über das Papier, fließen in stetem Strome bar jeder Schnelle dahin, bis sie schließlich so wohlgeformt versiegen, wie sie sich auf der ersten Seite dem Leser vorgestellt hatten.
Das alles liest sich schön, wirklich wunderschön, auch wenn der Inhalt mit der formal-sprachlichen Komponente nicht ganz mithalten kann. Gewiss ist auch jener durchdacht und funktioniert, doch hat der Roman in der Mitte zugleich ein paar Längen, die man ohne weiteres hätte aussparen können. Die schier endlosen Aufzählungen, was dem Protagonisten Heimat ist und was nicht, stehen als zeilenschindender Fremdkörper im Text, der sein Thema – Heimat – ansonsten durchaus angemessen zu behandeln weiß: Der Abschied von der sterbenden Mutter, mit dem der Erzähler umzugehen hat, wird zum Stellvertreter jenes Abnabelungsprozesses vom Dorf und der Region seiner Kindheit und Jugend, den er nie vollzogen hat und an dessen Aufschub er bis in die Gegenwart als Mann um die Dreißig leidet. Die überwiegende Verachtung und Ablehnung des Dörflichen weicht einem zunehmend differenzierten Blick, der in der Hassliebe zur Mutter seine Entsprechung findet und in der Erkenntnis mündet, dass Bewältigung zwar eine Veränderung, nicht unbedingt allerdings eine Verbesserung der Situation zur Folge hat. „Früher waren das Eigene und Fremde streng geschieden, jetzt ist alles offener geworden“, (134) ist der Erzähler einzusehen gezwungen und erkennt, dass sein Weg Ins Offene, in die Freiheit nur um den Preis der Entfremdung, der Heimat- und Wurzellosigkeit zu haben ist. Die Irritation, die ihn beim Anblick von Messdienern in Turnschuhen beschleicht, wird so zum Ausdruck genau dieses haltlosen Treibens, vor dem er letztlich zurückschreckt.
Zu lesen, dass es sich bei Karl-Heinz Ott um einen gebürtigen Ulmer handelt, der überdies auch in Deutschland studierte, verwundert. Dem ganzen Roman haftet durch Sprache und Atmosphäre, durch die Kombination von Stilsicherheit, leiser Melancholie und dem Hadern mit der eigenen (vermeintlichen) Provinzialität in solchem Maße etwas Urösterreichisches an, dass es schlicht unmöglich erscheint, Ott nicht als Nachbarn aus dem Südosten wahrzunehmen. Dabei kommt zuerst nicht einmal der thematisch naheliegende Vergleich mit Peter Handke (Wunschloses Unglück) in den Sinn, sondern vor allem ein Josef Winkler mit seinen gleichermaßen rauschhaften wie zurückgenommenen Wortkaskaden, mit seiner punktgenauen Zärtlichkeit, die in ihrer Treffsicherheit niemals kalt wirkt. Auch ein Thomas Bernhard scheint dann und wann durch, wenn Ott insbesondere in der ersten Hälfte des Romans dem antiprovinziellen Affekt ungehemmt fröhnt oder Aufzählung um Aufzählung übereinander häuft.
Damit soll nicht gesagt sein, dass Ott sich frech bei den Genannten bedient oder sie synthetisiert habe; vielmehr beschreiben diese Namen das Koordinatensystem, innerhalb dessen sich Ins Offene bewegt – Namen, die auf ästhetische und inhaltliche Stoßrichtungen deuten, die sich auch in Otts Debüt wiederfinden und darauf hinweisen, dass es sich bei Ins Offene um einen quasi-österreichischen Roman im besten Sinne handelt.

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