Steve Lyons – Ice Guard (Warhammer 40,000)
Die Gründe, Games Workshop nicht zu mögen, sind zahlreich: Eine Preisgestaltung jenseits von Gut und Böse, gelinde gesagt unglückliche Designentscheidungen, eine aggressive Produktpolitik (wer sich auf den neusten Codex berufen kann, gewinnt), ein durch und durch paternalistischer Habitus sowie das verkrampft-aufdringliche Verbreiten guter Laune sind einige der Faktoren, die die englische Firma hinsichtlich dessen, was sie verkörpert, zum Microsoft-Äquivalent der Tabletop-Anbieter werden lassen. Dennoch ist dieser Monstrosität des Hobbywesens ein Zweig zu Eigen, den man auch gutheißen kann, ohne seine Seele an den Rest des Unternehmens verkauft zu haben: Mit der Black Library hat Games Workshop einen Verlag geschaffen, der zwar ‘nur’ dem eigenen Franchise in die Hände spielt, dabei allerdings – zumindest im Großen und Ganzen – auf eine Qualität achtet, wie man sie sich für andere Publikationen aus dem Rollenspiel- und Tabletop-Umfeld nur wünschen kann. Dieser Eindruck wird nicht nur von langjährigen Lesern der Warhammer 40,000-Reihe vermittelt, die ansonsten einen großen Bogen um GW-Produkte schlagen, sondern auch durch Internet-Recherchen bestätigt.
Nimmt man sich nun als GW-Verächter, der aber aufgrund von Hörensagen eine gewisse Neugier auf das Warhammer40k-Universum entwickelt hat, Ice Guard zur Hand, da dieser Roman einen soliden Einstieg bilde und den noch unbedarften Leser nicht mit Spezifika zum Welthintergrund bombardiere, so findet sich – um das Fazit vorwegzunehmen – die positive Erwartungshaltung durchaus erfüllt.
Zu den – für ein Produkt mit Hobbyhintergrund keineswegs selbstverständlichen – Pluspunkten zählt neben dem Umstand, dass man nur selten ‘die Würfel fallen hört’, eine gut leserliche, dem Sujet angemessene Sprache, die zwar nicht die höchsten Höhen sprachlicher Artistik erklimmt, dafür aber funktioniert, ohne der Handlung im Wege zu stehen. Davon kann beispielsweise bei so manchem Battletech-Roman keineswegs die Rede sein. Wirkt bei Illusions of Victory alles so diffus und unausgegoren, so lieblos dahingeklatscht und mechanisch heruntergeschrieben, dass dem Leser jede weitere Lust auf das dort beschriebene Universum vergällt wird, schafft es Lyons in Ice Guard, auch dem Warhammer-Neuling ein plastisches Bild des Geschehens zu vermitteln und ihn so in die Welt hineinzuziehen.
Der Plot ist linear, aber actiongeladen und kommt ohne allzu große Logiklöcher daher. Zwar mag man bemängeln, dass einzelne Mitglieder der 319th Valhallan Ice Warriors zu blass bleiben, doch ist dies im Rahmen der Prämisse, die der imperialen Garde zu Grunde liegt, vollkommen in Ordnung: Erfolg durch Quantität, durch eine Quantität, in der zwar jeder seine zugewiesene Rolle einzunehmen hat, in der aber letztlich auch jeder austauschbar ist – Individualisierungen sind vor diesem Hintergrund zwar rezipientenfreundlich, weltimmanent allerdings obsolet. Zudem sollte nicht vergessen werden, dass im Rahmen des im Roman verhandelten Schwerpunktes einzelne Charaktere deutlich ausgestaltet werden – nur eben nicht jeder und lediglich in dem Maße, in dem die Kernfrage berührt wird: Wie steht es um die persönliche Korrumpierbarkeit? Damit verbinden sich Aspekte individueller Schuld genauso wie die Reflexion über Korruption sowie ihre Auswirkung auf das Individuum. Das klingt erst einmal hochtrabend, doch werden all diese Facetten jenes Komplexes eher angerissen, als dass eine erschöpfende Bearbeitung und Ausdeutung stattfände. Schön wäre eine stärkere Akzentuierung dieses Augenmerks gewesen – wäre es gewesen, wenn auf die Hintergründe und Entwicklungen Pozhars, Blonskys und Wollkendens eingehender beleuchtet worden wären, doch hätte dies die 281 Seiten des Romans fraglos gesprengt.
Neben dem Motiv der Korrumpierbarkeit rückt das reaktionär-antiaufklärerische Moment des Imperiums immer wieder ins Zentrum von Ice Guard und wirft einen erhellenden Blick auf eine mögliche alternative Art der Geschichtsschreibung und Ausformulierung des eigenen Selbstverständnisses. Am Rande scheint es immer wieder auf und zieht sich so als roter Faden durch die gesamte Erzählung: Nicht um Empirie geht es, nicht um den Versuch, sich forschend an eine ‘objektive’ Wahrheit heranzutasten, selbst wenn (und gerade weil) man um deren subjektiv-konstruierte Bedingtheit weiß, und auch nicht um eine restaurative Gegenaufklärung, die bei einem Konsens hinsichtlich Methodik und Selbstwahrnehmung zu einem anderen Ergebnis gelangt; das Streben nach dem Begreifen der Faktischen wird ganz bewusst der Legende geopfert, was tiefgreifende Folgen für nicht nur die Eigen- und Fremdwahrnehmung hat, sondern auch den Blick auf das Ganze beeinflusst: Wenn Colonel Steele feststellt “[t]his could be the most important mission the 319th has ever undertaken, the one that will decide how we are remembered” (S. 9), wird er vom selben Geschichtsverständnis geleitet wie in seinem Abschlussbericht, der feststellt, “that Confessor Wollkenden had died a hero” (S. 281), oder Pozhar, wenn er sich für den Rest des Trupps opfert und dabei peinlich genau darauf achtet, dass er sein Geheimnis mit ins Grab nimmt. In all diesen Beispielen wird historia als aus der jeweils individuellen fama ihrer Protagonisten bestehende narratio begriffen. Ein jeder Charakter weiß, dass er Teil einer großen, Generationen überspannenden Erzählung ist, deren Wahrheitsgehalt sich einzig dadurch verbürgt, dass sie überhaupt tradiert wird. Tradition schafft hier durch ihre bloße Existenz sowohl eine Übereinkunft hinsichtlich der Vergangenheit als auch einen Handlungsleitfaden für die Gegenwart.
Schön wäre es gewesen, wenn sowohl diese Auffassung von Geschichte als auch das Problem der Korruption im Rahmen von Ice Guard elaboriert worden wären, doch auch wenn davon bedauerlicherweise abgesehen worden ist, handelt es sich bei Steve Lyons Werk um ein Buch, das den eigenen Ansprüchen mehr als gerecht wird.
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