James Graham Ballard – Millenium People
Millenium People ist einer jener Romane, deren Scheitern umso bedauerlicher ist, als dass sich während der Lektüre das vergeudete Potential fortwährend offenbart. So viel versprechend sich die Prämisse – der Mittelstand erhebt sich, sieht sich als das ‘neue Proletariat’ und versucht die Revolution – ausnimmt, so wenig vermag das Buch seine Grundidee umzusetzen. Als ein Nachtrag seiner großartigen Moderne-Trilogie beziehungsweise eine Post-Fight Club-Generalüberholung ebendieses Meilensteines Ballard’schen Schaffens hätte Millenium People der ganz große Wurf werden können; während in Crash, Die Betoninsel und Der Block die Protagonisten ihrer Umwelt zuvorderst ausgeliefert sind, steht ihnen in Millrnium People die Möglichkeit offen, sich selbst ihr gegenüber aktiv zu positionieren. Wäre das aus der nunmehr dreißig Jahre alten Trilogie bekannte Thema aufgegriffen und geschickt variiert worden, hätte wahrlich jede Seite zu einem Genuss werden können, doch muss konstatiert werden, dass schon relativ früh während der Lektüre die Frage nach dem Warum des Scheiterns von Millenium People zur einzigen Lesemotivation wird.
Obgleich Ballard beispielsweise mit der bei einem Autounfall schwer verletzten Frau des Protagonisten und der erotischen Konnotation dieses Ereignisses genauso wie mit der Fixierung auf Körperlichkeit bewusst Motive aus Crash aufgreift, bleibt der Roman hinter dem Vorgänger um Längen zurück. Dass Fight Club einzelne Versatzstücke entliehen werden, vermag das Ganze auch nicht mehr zu retten, denn so schön es auch ist, die Szene, in der der Fight Club-Erzähler Tyler Durden darum bittet, bei ihm übernachten zu dürfen, unter umgekehrten Vorzeichen (Dexter widerstrebt es sichtlich, David in seine provisorisch eingerichtete Wohnung zu lassen) zu entdecken und dadurch in dem Priester (zusammen mit Richard Gould) eine Durden ähnliche Messias-Gestalt zu erkennen, reichen kurze Aha-Momente wie dieser nicht aus, um die Lektüre befriedigend zu gestalten.
Will man diesem Ungenügen auf den Grund gehen, ist es hilfreich, sich die Stärken der ‘Originaltrilogie’ vor Augen zu führen: Alle drei Bände spielen innerhalb eng gesteckter thematischer beziehungsweise örtlicher Parameter; was für Die Betoninsel das asphaltierte Grau einer Autobahninsel ist (für die Vorbeifahrenden unsichtbar und dabei doch in Sichweite der Londoner Außenbezierkswohnungen mit ihrem Plattenbaucharme), ist für Der Block das Hochhaus, dessen Bewohner aufs Schmerzlichste lernen müssen, dass das Soziale zuvorderst von Fragilität gekennzeichnet ist und sich in steter Bedrohung befindet. In Millenium People gibt es keine Einschränkung dieser Art, keine Versuchsanordnung, die durchgespielt wird und schließlich in einem Ergebnis mündet. Statt dessen versucht Ballard, das Große und Ganze einzufangen, wobei er nicht nur mit (un)schöner Regelmäßigkeit den Roten Faden verliert, sondern gar nicht so genau zu wissen scheint, worauf er eigentlich ihnaus will, wie die Widersprüchlichkeiten des Romans eindrücklich nahelegen.
Eine der größten Ungereimtheiten ist die grundlegende Motivation für den Aufstand: Der eine Argumentationsstrang baut auf der rein materialistischen Prämisse der Mittelschicht als neue Arbeiterklasse und der damit einhergehenden sozialen wie ökonomischen Unsicherheit auf, wobei den Aufständischen nicht nur Phrasen in bester HistoMat-Manier in den Mund gelegt werden (S. 79/80), sondern auch entsprechende Verrohungserscheinungen des bourgeoisen Nachwuchses auszumachen sind: „Removed from their expensive schools, bored teenagers haunted Sloane Square and the King’s Road, trying their hands at drug-dealing and car theft.“ (S. 198) Sieht man einmal davon ab, dass hier dem linksliberalen Glauben an die erdrückende Dominanz des sozialen Umfeldes in einem Maße gehuldigt wird, wie es selten in dieser Reinheit geschieht, muss Ballard wenigstens unbewusst tief in seinem Innern gespürt haben, was für einen Mumpitz er mit solchen Sätzen verzapft, da er gleichzeitig nicht müde wird zu betonen, dass die Mittelschicht zu gehorsam, zu gezähmt und zu rundherum friedlich für eine wahre Revolution sei, was sie in Millenium People in ihren Handlungen auch fortwährend unter Beweis stellt. Gerade diese Relativierung ist es, mittels derer ausgeschlossen werden kann, dass es sich bei dem Verhalten der Jugendlichen um ein satirisches Moment handelt.
Der zweite Legitimationsansatz für das außergewöhnliche Verhalten wohlsituierter Bürger ist quasi-spiritueller Natur und zehrt von Mustern, die ohne die Existenz von Fight Club wohl kaum Einzug in den Roman gefunden haben dürften: Der Aufstand wird zu einer „emergence of a higher kind of boredom“ (S. 77), einer Langeweile, die ihren Ursprung sowohl dem erlangten Wohlstand als auch der Welt als solcher – „[a]n endless theme park, with everything turned into entertainment“ (S. 62) – verdankt. So nimmt es dann auch nicht wunder, wenn das Ergebnis der Grenzüberschreitungen für David ein bisher nicht gekanntes Gefühl der Freiheit ist – die Transgression als Bedingung zur Offenlegung und Erschaffung des Subjekts in aller Unverstelltheit.
Leider unterlässt es Ballard, diese beiden Stränge miteinander zu verknüpfen, so dass der materialistische Quell bürgerlichen Unbehagens und der Versuch, sich als ontologisches Subjekt zu konstituieren, seltsam isoliert nebeneinander stehen, ohne dass das Unterfangen einer Synthese auch nur ansatzweise gewagt wird. Im Gegensatz dazu hat Fight Club sich entschieden und letzteren Weg eingeschlagen – und schlägt Millenium People nicht zuletzt deshalb um Längen, weil Chuck Palahniuk anders als Ballard fähig war, Prämissen festzulegen und diese konsequent durchzuexerzieren. Doch Palahniuk ist nicht nur in der Komposition präziser, sondern auch um Längen reflektierter als Ballard (zumindest als der Ballard des frühen 21. Jahrhunderts): Während der Amerikaner um die (proto)faschistischen Züge in der Ästhetik und im Selbstverständnis von Project Mayhem sehr wohl weiß, ist Ballard außerstande, die seinem Roman innewohnenden Kontradiktionen zu bemerken: Einerseits wird die Tate-Galerie Ziel eines Attentats, da sie „more bunker than museum, of which Albert Speer would have thoroughly approved“ (S. 180) sei, so dass David in rechtfertigender Besorgnis feststellt: „This was the art show as Führer spectacle, an early sign, perhaps, that the educated middle classes were turning towards fascism.“ (S 181)
Andererseits formuliert Dexter sein Selbstverständnis mit genuin faschistischen Untertönen, ohne dass dies im Rahmen des Romans zur Disposition stünde: „Human beings aren’t meant to be comfortable. We need tension, stress, uncertainty“ (S. 63) und damit das genaue Gegenteil dessen, was die träge, gezähmte Mittelschicht charakterisiert. Was hier artikuliert wird, ist der Versuch, die Ausnahme ins Unendliche auszudehnen und sie auf diese Weise als Normalzustand zu etablieren – eine durch und durch faschistische Attitüde. Dem Menschen gemäß sei „[t]he kind of challenge that comes from flying a Tiger Moth through zero visibility, or talking a suicide bomber out of a school bus.“ (S. 63) Ein realer Gabriele d’Annunzio – man denke nur an seinen tollkühnen Flug über Wien – spricht aus diesen Zeilen nicht minder als eine fiktiver Tyler Durden.
Dass Ballard dies entgeht – oder er die Problematik seiner Komposition stillschweigend ignoriert –, ist symptomatisch für Millenium People und zeigt bereits anhand dieser kleinen, aber signifikanten Episode auf, warum einer der letzten Romane dieser Koryphäe der Science Fiction besser ungeschrieben geblieben wäre.
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