Schlossblick

Michael Köhlmeier – Idylle mit ertrinkendem Hund

Posted in Das Wort by schlossblick on Mai 28, 2011

Romane mit autobiographischen Zügen sind verdächtig – und zwar zu Recht. Heißen die Autoren nicht gerade Peter Handke, Yukio Mishima oder Bret Easton Ellis, stehen die Urheber solcher Werke zumeist völlig verdient in dem Ruch, sich in einer einzigen großen Nabelschau zu ergehen und in melodramatischer Selbstoffenbarung zu schwelgen, um die Welt an ihrem Schicksalsschlag (TM) teilhaben zu lassen; die Form des Romans soll dem – therapeutisch durchaus zu rechtfertigenden – Seelenstriptease höhere Weihen verleihen.

Zum Glück sind im Falle von Michael Köhlmeiers Novelle Idylle mit ertrinkendem Hund solcherlei Bedenken gänzlich unangebracht, da er, anstatt Befindlichkeitskitsch zu goutieren, sich in die Tradition zurückhaltend-innerlicher Beobachter wie Karl-Heinz Ott, Jenny Erpenbeck oder Botho Strauß stellt. Das Buhlen um Aufmerksamkeit mittels greller Farben hat die Nachsicht zugunsten eines nachdenklichen, leisen Tons, der Idylle mit ertrinkendem Hunde außergewöhnlich gut zu Gesicht steht.

Neben diesem Duktus, der einen Sinn für das Kleine beweist, ohne in Sentimentalitäten abzugleiten, ist es die sorgfältige Komposition, die besonders hervorsticht und der es zu verdanken ist, dass der Leser keine Gefühlsprostitution über sich ergehen lassen muss, sondern in den Genuss einer wohldurchdachten Initiationsgeschichte kommt: Sich mit ihm arrangiert, aber nicht bewältigt haben Michael Köhlmeier und seine Frau Monika den viel zu frühen Tod der Tochter, als Lektor Dr. Beer sich zu Besuch anmeldet. Anders als erwartet, handelt es sich bei ihm nicht um die zum Menschen gewordene Berufung zum Lektor, sondern um einen recht schrulligen Mann, der sich als gleichermaßen anarchischer und ordnender Geist entpuppt. Ganz und gar Affekt, verliebt er sich in Monika und gerät in völlige Verzückung über den von ihr angelegten Garten, während er gleichzeitig dennoch derjenige ist, der die Katharsis herbeiführt: Er ist es, der den Hund zum ersten Mal trifft, so wie er auch derjenige ist, der das auf dem Eis stehende Tier bei einem Winterspaziergang auf sich aufmerksam macht. Auf diese Weise ermöglicht Dr. Beer dem Protagonisten etwas, was jenem zuvor verwehrt geblieben war: ein Leben zu retten. War der Tod der Tochter ein Eingriff höherer Mächte, das registriert, aber nicht abgewendet werden konnte, hat der Michael Köhlmeier (wohlverstanden als literarischer Charakter, nicht als real existierender Urheber dieser Novelle) nun die Möglichkeit, handelnd einzugreifen und sich als aktiver Bestandteil der Welt wahrzunehmen. Das mag die Tochter nicht zurückbringen, doch restituiert es den Sinn für die eigene Handlungsfähigkeit. Bedenkt man den fundamentalen Zusammenhang von Hund und Tochter, nimmt es nicht wunder, wenn die Rettung des Erstgenannten zu einem quasi-religiösen Akt wird: Sowohl das Gebet (zuerst als Ventil für die eigene Emotionalität, schließlich aus Konvention) als auch die Taufe (oder ist es nicht eher Orpheus’ Gang in die Unterwelt?) in Form des Durchbrechens der Eisdecke und des anschließenden Entsteigens des Sees unterstreichen zusammen mit der Depersonalisierung den Wandel, den der Retter in dieser Situation erlebt: Im Moment der Krisis wird aus dem Ich- ein personaler Erzähler, der erst nach vollendeter – und gelungener – Initiation als Teil des Ich anerkannt und in jenes integriert werden kann. Dass Dr. Beer nach diesem Zwischenfall jeden Kontakt mit Michael Köhlmeier abbricht, ist im Rahmen der narrativen Logik von Initiationsgeschichten nur schlüssig: Der Auslöser und (unfreiwillige) Mentor ist nach geglückter Vollendung nicht länger vonnöten, erfüllt also auch keine Funktion mehr innerhalb des Entwicklungsprozesses des Charakters, wodurch er die Legitimation zu einem Platz an dessen Seite einbüßt .

Es ist dem Glück zu danken, dass nicht nur Dr. Beers Tun, sondern auch das literarische Unterfangen des (realen) Michael Köhlmeier von Erfolg gekrönt ist, handelt es sich doch bei Idylle mit ertrinkendem Hund immerhin um eines jener Kleinode, denen allzu selten die verdiente öffentliche Aufmerksamkeit und gebührende Hochachtung gezollt wird.

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