Richard Yates – Disturbing the Peace
Liest man immer wieder von Vergleichen, die Richard Yates in bezug zu F. Scott Fitzgerald oder Bret Easton Ellis stellen, hat die Erwartungshaltung, mit der man sich dem Autor beim ersten Direktkontakt nähert, bereits so konkrete Formen angenommen, dass es fast schon verwundert, entdecken zu müssen, dass es sich bei dem 1926 geborenen Amerikaner um einen selbständigen Romancier mit eigener Handschrift handelt. Nimmt man dessen 1975 erschienen Roman Disturbing the Peace zur Grundlage, sind es vor allen Dingen zwei Unterschiede, die ihn besonders von seinen beiden genannten Landsleuten und deren Werken abheben: die Sprache und das Sujet. Während Fitzgeralds Stil ganz und gar auf Eleganz ausgerichtet ist, auf Schönheit und ein Erfreuen an Sprache um ihrer selbst willen, findet sich bei Ellis die totale Reduktion, das Verbale als nüchternes Instrument der Informationsvermittlung – und in ebendieser Funktionalität nicht minder artifiziell als bei Fitzgerald. Yates hingegen steht einem Paul Auster oder Philip K. Dick deutlich näher: Bei allen Dreien ist Sprache primär Mittel zum Zweck, das zwar gekonnt eingesetzt wird, aber nicht als zusätzliche Metaebene auf den Inhalt verweist; statt abermaliger Abstraktion steht die Imersion im Zentrum des Erzählaktes.
Die Sujets von Ellis und Fitzgerald auf der einen sowie Yates auf der anderen Seite differieren insofern, als dass sich erstere ausnahmslos den Schönen und Reichen ihrer jeweiligen Zeit widmen und mittels der Konzentration auf eine Geld-, Macht- und Bildungselite gesamtgesellschaftliche Tendenzen ableiten, während letzterer die ihn umgebende Mittelschicht in den Fokus nimmt,.ohne aber zu anderen Ergebnissen zu gelangen – die Diagnose, dass der Amerikanische Traum sich in einen Alptraum verwandelt (oder die USA zumindest ihre metaphysische Bestimmung aus dem Blick verloren) habe, ist den Romanen und Kurzgeschichten eines jeden inhärent.
Diese Schwerpunktvarianz erklärt, dass in Disturbing the Peace weder ein Patrick Bateman noch ein Jay Gatsby die Martern der modernen Welt und ihrer Trugbilder zu durchleiden hat, sondern John Wilder, ein Angestellter des American Scientist-Magazins, der für das Akquirieren von größeren Werbekunden verantwortlich ist und es auf diese Weise bereits zu bescheidenem Wohlstand gebracht hat. Allerdings erfüllt ihn diese Tätigkeit genauso wenig wie sein tristes Familienleben oder seine zahllosen Affären, die seine Frau Janice mit derselben stoischen Gelassenheit erträgt und rationalisiert wie alle anderen Marotten ihres Mannes. Mehr Mittelklasse geht kaum – mehr Routine auch nicht. Genau diese Routine ist es jedoch, die den inneren Widerspruch des Amerikanischen Traumes konstituiert, seine Grenzen als Ideologie aufzeigt und der Anfang vom Ende des Protagonisten ist: Die vielbeschworene und per Verfassung verbriefte „pursiut of happiness“ ist zu einer „pursiut of wealth“ degeneriert, die ob ihrer bloßen Existenz den Pfad zu ersterer in einer wohlhabenden Gesellschaft, die sich als solche auch wahrnimmt, verstellt. Die Hölle, das sind nicht unbedingt die anderen, sondern das ist das verwirklichte durchsäkularisierte Ideal, das nicht nur den „escape artist“ Wilder verzweifeln und sich fragen lässt, ob das denn wirklich alles gewesen sein soll. Soll dieses verwirklichte Ideal nicht verwirkt werden, ist der mit einem sprechenden Namen gesegnete Protagonist dazu verdammt, den von Repetition gekennzeichneten Weg, den er bisher ging, immer weiter fortzusetzen – und damit auf (individual)ökonomischer Ebene jenen Status Quo fortzuschreiben, der von den Wilder umgebenden Personen lediglich solange als Primat persönlichen Handelns nur impliziert wird, solange man ihn nicht infrage stellt. Sittliche und psychische Schwächen – seien es Affären oder Alkoholexzesse – werden von Frau, Freunden und Arbeitskollegen hingenommen, wenn sie nicht gar als Kavaliersdelikt quasi zum guten Ton gehören (man denke nur an das Apartment, das Wilder und Borg für ihre außerehelichen Abenteuer gemietet haben), doch als Wilder seine Arbeit zu kündigen beschließt, um mit Pamela in Hollywood ins Filmgeschäft einzusteigen, entfacht er Wogen des Entsetzens und des Unverständnisses: Janice „looked blank: he couldn’t tell if she was being ‘civilized’ about it or if she was stunned“ (S. 182), während sein Vorgesetzter an sein Verantwortungsgefühl appelliert („You’re not acting like a man at all, you’re acting like some crazy kid.“ [S. 184]), als Wilder versucht, den Amerikanischen Traum für bare Münze zu nehmen: „I’ve never thought of it as a ‘carrer’, George. The fact is I’ve never liked it.“ (S. 184) Dass Wilders Chef seinen besten Mitarbeiter mit der Bejahung von Affären zu locken versucht, ist nicht einmal vonnöten, um die Prioritäten der Gesellschaft, wie sie von Yates portraitiert wird, hervorzuheben.
Dort, wo nun das Happy End stehen könnte, ist es, von Yates’ Prämissen ausgehend, nur schlüssig, dass sich der Vorhang zum letzten Akt des Scheiterns hebt. Der letzten Bindungen, den wenigen schwachen Konstanten, die er noch besaß, enthoben, taumelt Wilder völlig haltlos dem Untergang entgegen. Angesichts dessen nehmen die Reaktionen seiner Bezugspersonen auf den Entschluss, nach Kalifornien zu ziehen, den Charakter eines vorauseilenden Kommentars an: „The point is a man needs a home, for God’s sake.“ Selbst wenn er ein solches in New York (fast) nur im wörtlichen Sinne besessen hat, ist es ihm noch Stütze genug gewesen, um das zu vereiteln, was ihm in Los Angeles bevorsteht. Völlig entwurzelt hätte er wohl nur dann eine Chance, wenn er ein fester Bestandteil jenes’ Mythos wäre, dem er zum Opfer fällt, als ein ‘man of self-interest and industry’ und „having emerged from the poverty and obscurity … to a state of affluence and some degree of reputation in the world” (Benjamin Franklin: Autobiography, S. 3). Faktisch handelt es sich bei Wilder jedoch um den Antitypus zum All-American Guy, um einen Gegen-Franklin und einen Gegen-de Crèvecœur – weder die Selbständigkeit des Ersteren noch der frische Wille zum Neuanfang, der Letzteren kennzeichnet, sind ihm zu Eigen, was in zwei Situationen besonders deutlich wird: Beeindruckt der Erfinder des Blitzableiters seine Umwelt durch seine außerordentlichen Schwimmfähigkeiten – bei Franklin das Motiv für gelungenes Erfolgsstreben –, versagt Wilder in dieser Hinsicht auf ganzer Linie: „Wilder had been afraid of water – and afraid to admit it – all his life. Through boyhood and youth he had done his best to avoid swimming … .“ (S. 56.) Dass ihm überdies mit industry und self-interest die Grundeigenschaften des von de Crèvecœur postulierten ‘new man’ fehlen, nimmt nicht weiter wunder. Anstelle von Fleiß bringt er Apathie mit in das, was eigentlich seine persönliche Neue Welt werden sollte, so dass er, in Abhängigkeit von der ihn finanzierenden Pamela sowie von diversen Produzenten, sich außerstande sieht, tatsächlich eigeninteressiert zu handeln. An Wilder wird als Exempel statuiert, dass trotz alles Wollens eine der wesentlichen Säulen amerikanischen Selbstverständnisses zu groß, zu monströs ist, um einlösbar und eine real lebbare Option zu sein. Man muss schon selbst jenem Traum entsprungen sein, will man dessen Forderungen nachkommen können. Für den Durchschnittsmenschen, der John Wilder ist, handelt es sich um eine so verführerische wie gefährliche Geschichte.
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