Mark Millar – The Ultimates Vol 1: Super-Human
Misst man The Ultimates an den von Marvel formulierten Ansprüchen, ist Super-Human, der Auftaktband, wenigstens partiell gelungen. Zeitgemäßer und düsterer sollte diese alternative Inkarnation der Avengers sein, doch zeigen die hier versammelten ersten sechs Episoden allzu deutlich, dass schlicht ein falscher Fokus gewählt wurde. ‘Zeitgemäßer’ heißt eben nicht ‘besser’ – von ‘gut’ ganz zu schweigen. Sicher wurden die Ultimates/Avengers insofern auf den neusten Stand gebracht, als dass sie solcherart ein Spiegel der USA zu Beginn des dritten Jahrtausends sind, wie es ihre alten Pendants niemals hätten sein können. Ein Land, das nicht mehr weiß, wo es steht, ein Land, das sich in seinem Selbstverständnis zutiefst erschüttert sieht und gleichzeitig mit einer immer größer werdenden ideologischen, finanziellen und Ausbildungskluft im Innern zu kämpfen hat, kann sich nur noch schwerlich auf diejenigen Superhelden beziehen, die bis vor zwanzig, dreißig Jahren den – damaligen – Status Quo zu repräsentieren vermochten beziehungsweise auf jenem fußten.
So wie das Genre schon immer Ausdruck gesellschaftlicher Eigenwahrnehmung war (und deshalb stets auch als kollektive Idee, nicht nur als Ausfluss der Kreativität eines Einzelnen zu lesen ist), sind auch die Ultimates Kinder ihrer Zeit. Alles Heroischen entkleidet, stehen die Protagonisten mit ihren Makeln und Unzulänglichkeiten einerseits (fast) auf einer Stufe mit der Masse der Menschen, ohne dabei andererseits dank geschickter Marketingstrategien und aufgrund objektiv gegebener Alleinstellungsmerkmale auf die öffentliche Wahrnehmung als Superhelden verzichten zu müssen. Diese Parallelität ist das Gebälk, mit dessen Hilfe Millar eine Superheldengeschichte und deren Dekonstruktion unter ein Dach zu bringen versucht – und scheitert.
Das Hauptproblem des Comics ist neben seiner narrativen Schludrigkeit, dass er es nicht schafft, das Übermenschliche mit dem Alltag zu versöhnen, so dass beide ein vom jeweils anderen losgelöstes Eigenleben führen. Wenn beispielsweise der alkoholkranke Tony Stark nach dem Kampf gegen Hulk in einem Interview erwähnt, dass er ohne die Hilfe von Hochprozentigem vermutlich nicht den Mut aufgebracht hätte, sich seinem Gegner zu stellen, ohne dass die Reporterin nachhakt, ob er denn der Verantwortung, die mit einer Iron Man-Rüstung einhergeht, gewachsen sei, wird hier das ‘realistische Bild’ einer ‘Schwäche’ gezeichnet, die konsequenzlos bleibt.
Weniger die unzureichende Verknüpfung von Superhelden- und Alltagsdimension als viel mehr fehlende (überzeugende) Motivation beziehungsweise Mängel in der narrativen Konzeption fallen bei Thor sowie bei Wasp und Giant-Man negativ ins Gewicht. Während das erste Aufeinandertreffen von Thor und Nick Fury über mehrere Seiten inszeniert wird, um den nordischen Gott als esoterischen Öko-Guru einzuführen, der mit den ‘Kapitalisten vom militärisch-industriellen Komplex’ nichts zu tun haben will, wird die Begründung, warum er sich schließlich dennoch zum Essen mit den Ultimates einladen lässt, in einem Halbsatz nachgeschoben.
Genauso nachgeschoben (und ebenso unbefriedigend) ist die Legitimation der Darstellung häuslicher Gewalt zwischen Wasp und Giant-Man. Nicht nur kommt es ohne jede Vorankündigung zum Eklat, auch wird der Leser abermals erst am Ende der Szene über die tiefer liegenden Ursachen der Auseinandersetzung aufgeklärt, obgleich es ein Leichtes gewesen wäre, diese an gegebener Stelle zu visualisieren. So befindet sich diese Episode in der Schwebe zwischen zwischen Selbstzweck und Alibi zur Untermauerung eines ‘realistischen Ansatzes’.
Einzig Hulk und Captain America heben sich in ihrer Umsetzung positiv von den restlichen Teammitgliedern ab, was nicht zuletzt dem Umstand geschuldet sein dürfte, dass es sich bei ihnen um jene Charaktere handelt, denen eine Integration ins Profane weitestgehend erspart geblieben ist. Zwar wird Captain America als aus der Zeit gefallener Rip Van Winkle interpretiert, der sich weltanschaulich irgendwo zwischen Stalingrad und der Kuba-Krise bewegt, doch gelingt der Einbau dieses Motivs, ohne dass größere Brüche entstünden.
Ein Aspekt, der bei keiner Dekonstruktion einer (literarischen) Gattung fehlen darf, ist das Spiel der Selbstreferenzialität respektive die Thematisierung ebendieser. Mit schier zwingender Notwendigkeit nimmt sich auch The Ultimates dieses Standardrepertoires der Postmoderne an – nur um sich abermals zu überheben. Abgesehen davon, dass bereits die ersten Silver Surfer-Ausgaben ihre Rezeptionsbedingungen reflektierten, erschöpft sich der zeitgenössische Reflex bei Millar in der ökonomischen Verwertbarkeit des Genres. Das wäre nicht weiter schlimm und besäße sogar seinen Reiz, wenn es beiläufig geschähe, unaufdringlich und mit dem Angebot verbunden, auch überlesen werden zu dürfen; Millar allerdings ist sich nicht zu schade, jedes Mal den Vorschlaghammer auszupacken, um ein großes Schild mit der Aufschrift “Achtung, jetzt werde ich metakognitiv” in den Boden zu rammen. Dieser ganze Vorgang ist dermaßen bar jeder Subtilität, dass er einer Beleidigung eines jeden mitdenkenden Lesers gleichkommt.
Sieht man von Hulk und Captain America ab, kann The Ultimates Vol 1: Super-Human nur auf einem Gebiet wirklich punkten: auf dem der Graphik. Die Bilder sind sauber, energiegeladen und stehen in ihrer Klarheit der Handlung nicht im Weg. Selbstverständlich reicht dies nicht aus, um die Ultimates-Eröffnung zu retten, doch macht es den Comic zweifelsohne um ein Vielfaches erträglicher, da die Illustrationen die Defizite stellenweise tatsächlich in den Hintergrund rücken lassen.
Dass das Urteil so hart ausfällt, ist nicht nur bedauerlich, sondern vor allem auch überflüssig, da es keines großen Aufwandes bedurft hätte, um wenigstens die größten Schlampigkeiten zu beheben. Ein Meilenstein der Comic-Geschichte wäre Super-Human zwar auch dann nicht geworden, aber wenigstens der gravierendsten Probleme entledigt gewesen.
Einen Kommentar schreiben