Schlossblick

Christian Kracht – Faserland

Posted in Das Wort by schlossblick on August 22, 2008

Keine Frage: Trotz ihres Rhythmus’ und ihrer eigentümlichen Melodik ist die Sprache, die Kracht in seinem Debüt benutzt, darauf angelegt, eine geradezu physische Abwehrreaktion zu provozieren. Wenn beispielsweise der Fischer mit “der Anne” “am Flirten ist”, um einfach mal in den Sprachduktus von Faserland zu verfallen, rollen sich dem sprachbedachten Leser schlicht die Zehennägel auf – aber dennoch: Sie passt, diese Sprache, fügt sie sich doch ganz in die Handlung und die Welt, die der namenlose Erzähler durchschreitet. Die Selbstbezüglichkeit, in der sich der Protagonist ergeht und die er allenthalben wahrnimmt, gestattet letztlich gar keinen anderen Umgang mit Worten als den, der im Rahmen des Romans praktiziert wird, denn wo es nichts außer Gegenwart gibt und die Vergangenheit nur als Detail aus dem Dritten Reich kurz aufflackert, ist die Möglichkeit, ein kulturelles Bewusstsein zu entwickeln und für sich selbst gewisse Verbindlichkeiten anzunehmen, erst gar nicht gegeben.

Trotzdem – oder gerade deshalb schickt Kracht den Erzähler auf eine Reise quer durch die Republik, vom höchsten Norden bis in den tiefsten Süden, eine Reise durch Deutschland, die gleichzeitig auch eine Suche nach Deutschland (oder wenigstens nach einem nicht näher spezifizierbaren ‘Deutschen’) ist – zumindest implizit und auf der Leser-/Autorebene, quasi en passant. Selbstverständlich werden keine unumstößlichen und klar greifbaren Wahrheiten darüber, was ‘das Deutsche’ denn nun ist, mundgerecht mitgeliefert, doch immer wieder finden Annäherungsversuche statt, stolpert der Erzähler in Situationen, in denen diese vage Ahnung umrissen wird, so dass das Zusammentreffen mit dem Vorstand eines mittelständischen Betriebes um die gleiche Frage kreist wie die Begegnung mit einem Hippie auf einer Goa-Party im bayrischen Nirgendwo: Was ist es, dieses Deutsche? Es ist im Übrigen diese Suche, die Christian Kracht in die Nähe eines Botho Strauß rückt, und weniger der konservative Habitus, den beide – jeweils auf ihre Art – an den Tag legen. Und auch wenn sich sowohl Kracht als auch der von ihm erdachte Erzähler in Dandypose werfen, während Strauß für sich die Rolle des elitären Außenseiters gefunden hat, und sich dementsprechend die Pflüge unterscheiden, mit denen sie dasselbe Feld beackern – Kracht als dekadenter Beobachter der Postmoderne, Strauß als introvertierter Lauscher in den Mythos –, sind sie durch das Objekt ihres Forschens verbunden, das sie jeder auf seine Weise zu ergründen versuchen.
Aus diesem Blickwinkel gelesen, ist Faserland als voller Erfolg zu werten: Ein widerspenstiges, aber in sich geschlossenes Buch ist es geworden, das – sehr bewusst konstruiert – sein Themenfeld umkreist, ohne es sich allzu leicht zu machen, wenn es um Antworten geht.

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