Baal Müller – Der Vorsprung der Besiegten. Identität nach der Niederlage
Das Konzept der Kaplaken-Reihe aus der Edition Antaios erweist sich einmal mehr als Krux: Wirklich angenehm zu lesen ist das Oktavbändchen, feuilletonistisch im besten Sinne, ohne dabei schwatzhaft zu sein, doch vermag die äußere Form nicht, dem Inhalt gerecht zu werden: Zu wenig Raum bieten 96 kleine Seiten, um ihrem Thema zu genügen, so dass vieles angeschnitten wird, ohne den jeweiligen Aspekt in angemessenem Umfang zu würdigen. Das Verhalten eines Volkes mit einer Kriegsniederlage im Allgemeinen und der deutsche Umgang mit den Ausgängen der beiden Weltkriege im Besonderen bieten zweifelsohne genug Stoff, um ihnen ganze Buchreihen zu widmen, so dass eine Auslese unausweichlich ist, doch stellt sich diese Selektion im Falle der vorliegenden Veröffentlichung in zweifacher Hinsicht als bedauernswert heraus: Einerseits ist offensichtlich, dass Baal Müller deutlich mehr zum Thema hätte schreiben können, als er letztlich tat, und andererseits wäre die eine oder andere Ungenauigkeit – etwa bei der Unterscheidung zwischen Rechts- und Gesinnungsstaat – leicht ausgeräumt worden.
Sämtliche der angeführten Kritikpunkte zerstieben allerdings, wenn man das Selbstverständnis der Kaplaken bedenkt: Kurz und knapp wollen sie sein, (Basis-)Lektüre für die Westentasche. Dass unter solchen Vorzeichen keine erschöpfenden Betrachtungen geleistet werden können, versteht sich von selbst. Insofern ist sind sämtliche geäußerten Beschwerden über vermeintliche Mängel als Bedauern über das verschenkte Potential zu werten, das hätte entfaltet werden können, wäre nur ein anderer Veröffentlichungsweg gewählt worden. Dies bedenkend, ist es alles andere als verwunderlich, dass Der Vorsprung der Besiegten seine Momente hat, beispielsweise wenn Müller zwischen Leistungs-, Besitz- und Seinsstolz differenziert oder das Konzept des geheimen Deutschlands aus seinem unmittelbaren George-Zusammenhang löst und von Hölderlin bis in die Gegenwart spannt.
Natürlich hat man viel von dem, was Müller (nicht nur) zur deutschen Geistesverfassung und zum Umgang mit der eigenen Geschichte schreibt, schon mehrfach andernorts gefunden, doch gerade deshalb wäre es erfreulich gewesen, hätte man nicht schon nach knapp 100, sondern – sagen wir – erst nach 350 bis 500 Seiten die letzten Worte des Buches lesen dürfen.
Ernst Jünger – Sturm
So manches Mal ist dem Gott der Literatur von ganzem Herzen zu danken – etwa wenn er ein lange verloren geglaubtes Manuskript wieder auftauchen lässt, an das sich sogar der Autor nur noch dumpf zu erinnern vermag. Grund zur erstaunten Freude über ein Werk, dessen Existenz jenseits aller Vorstellung gewesen war, bot beispielsweise nicht nur Fritz Leibers Die Umtriebe des Daniel Kesserich, sondern auch Ernst Jüngers autobiographische Novelle Sturm. Wie nah sich das in ihr Beschriebene an tatsächlich stattgefundenen Ereignissen bewegt, lässt sich nur erahnen, doch sind sowohl die Beschreibung des Titel gebenden Protagonisten als auch der Umstand, dass Jünger Das abenteuerliche Herz im Vorabdruck unter dem Pseudonym Hans Sturm publizieren ließ, starke Indizien für eine außerordentliche Verwandtschaft von Autor und Hauptcharakter.
Für eine Geschichte, die an der deutschen Westfront im Ersten Weltkrieg spielt, fällt auf, dass der unmittelbar erfahrene Krieg eine vergleichsweise untergeordnete Rolle spielt. Zwar ist er stets präsent, doch finden sich die Protagonisten nur selten in einer unmittelbaren gewalttätigen Auseinandersetzung wieder. Der Schlachtenlärm ist heruntergestimmt zu einem steten Hintergrundrauschen, das die Szenerie prägt, ohne sich zur einzig relevanten Größe aufzuschwingen. Statt das unmittelbare Schicksal vor Ort ausschweifend zu thematisieren, erkundet Jünger den Krieg in Sturm in zweierlei Richtungen: Einerseits ist er vom Eigentlichen des Phänomens fasziniert und versucht, dieses herauszuarbeiten: Was ist die – auch im platonischen Sinne – Idee des Krieges, was ist seine Essenz, seine wahre Natur, wenn alle Zeitbezogenheit, konkrete Erscheinung und Maske abgestreift wurden? Es liegt im Wesen einer solchen Konzeption, dass endgültige Antworten auf sich warten lassen, doch vermag es Jünger, sein Thema zu umkreisen und sich ihm immer wieder anzunähern, auch wenn sich das Objekt seines Erkenntnisstrebens dem Beobachtenden und Analysierenden natürlich entzieht, ehe es tatsächlich dingfest gemacht werden kann. Insofern ist Krieg – für Jünger – nicht erklärbar, er bleibt teils anthropologische Konstante, teils notwendiger, schicksalsgewollter Ausbruch archaischer Kräfte, der seinen Sinn nur in sich selbst, nicht jedoch in politischen (National)Interessen findet.
Der zweite Komplex, den Jünger erforscht, ist das Verhältnis von Individuum und Krieg: Zum einen interessiert den Autor, was der Krieg mit dem Menschen anstellt, nachdem dieser wieder in die Zivilgesellschaft ‘entlassen’ wurde, und zum anderen geht er der Frage nach, was gebildete, weltgewandte Männer, die “die Grenzen des Landes nicht nur im örtlichen Sinne überschritten” (S. 39) hatten, dazu trieb, sich hinter einer Flagge zu vereinen, um gegen jemand anderes zu Felde zu ziehen. Letzthin argumentiert er dabei ästhetizistisch-existenzialistisch: Nicht Ideale fallen ins Gewicht, nicht Patriotismus oder ‘die Sache’, sondern die Sehnsucht nach “freie[r] Entfaltung der Persönlichkeit inmitten der straffsten Bindung, die man sich denken kann” (S. 40), nach einem heißeren, einem intensiveren Leben, das eben dadurch spürbar wird, dass es sich um eine Existenz am Abgrund handelt, um einen Tanz auf dem Vulkan. Interessant an dieser Perspektive ist ihre Parallelität mit den Beweggründen derjenigen, die sich in Fight Club zusammenschließen, um sich in dunklen Kellern und stickigen Hinterzimmern physisch miteinander zu messen: Hier wie dort steht weder der Sieg noch ein übergeordnetes legitimierendes Ideal im Mittelpunkt des Handelns und Erlebens, sondern einzig die Erfahrung, das Erfühlen seiner selbst im Moment der Krise, die die eigene Existenz wieder wahrnehmbar werden lässt. “There was no real sense of life because she had nothing to contrast it with” (S. 38) heißt es in Fight Club zwar nur über Marla Singer, doch besitzt diese Aussage Gültigkeit auch für ihre männlichen Schicksalsgenossen im Roman. Die subjektiv empfundene Notwendigkeit, das eigene Sein auf die Probe zu stellen, stellt sich auch in Sturm unentwegt aufs Neue und könnte in seiner Nähe zu Palahniuks Debüt der Ausgangspunkt für eine genauere vergleichende Untersuchung sein – ein Blog-Eintrag ist allerdings gewiss nicht der richtige Ort dafür.
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