Joris-Karl Huysmans – Tief unten
In weltanschaulicher Hinsicht als Fortsetzung zu Gegen den Strich konzipiert, ist Tief unten wie auch sein Vorgänger ganz und gar dem Fin de Siècle verpflichtet: Ästhetizismus, Sinnsehnsucht und die Abwesenheit des Göttlichen in einer profanen Gegenwart sind die Koordinaten, innerhalb derer sich die Handlung entspannt. Bemerkenswert dabei ist, wie konsequent Huysmans jede klebrige Süße, jede wortgewordene Zuckerwatte zu bemühen vermeidet, von der etwa in den Romanen eines d’Annunzio reichhaltig Gebrauch gemacht worden ist. Ist die Literatur des Italieners ein opulentes venezianisches Palazzo, mit schweren Gobelinen aus Samt und Brokat geschmückt, mit üppigen Ornamenten innen wie außen verziert und durchzogen von schweren Düften, so handelt es sich bei Tief unten um ein romanisches Kloster irgendwo in der französischen Provinz, mit meterdicken Wänden, niedrigen Decken und kleinen Fenstern. Ein Hort des Wissens und des Glaubens ist dieses Kloster, ein Bollwerk gegen Moderne, Mittelmaß und Materialismus.
Das Bild der geistlichen Trutzburg beschreibt nicht nur das in Tief unten postulierte Ideal, sondern, sondern erklärt auch die Attraktivität des Satanismus’ im Roman. Jener billigt mit seiner Blasphemie und Gotteslästerung, mit seinen Schändungen und Sakrilegien der (katholischen) Kirche nicht nur die Größe und Macht einer Position zu, die es wert ist, dass man sich gegen sie auflehnt und gegen sie rebelliert, auch ist er im Rahmen von Tief unten das einzige Sinnangebot, das nicht von der Moderne zerfressen ist; mögen Demokratie und zeitgenössischer Klerus gottvergessen und durchliberalisiert dem Materialismus und seiner Nichtigkeiten huldigen, gebärdert sich der Satanismus zwar ebenfalls profan, indem er eine ‘soziale Agenda’ formuliert, doch ist ihm jeder Relativismus fremd. Anders als seine Widerparte kennt er kein ‘Aber’, sondern weiß, was er will, und hat sich überdies einen Sinn für den Ritus bewahrt, der – obgleich als Persiflage der katholischen Messe zelebriert – in seiner Wirkmacht als Ritus angenommen und bejaht wird.
Genau diese Kompensationsfunktion des klassischen (das heißt vormodernen) Satanismus’ als Katalysator für Transzendenzstreben in einer als materialistisch empfundenen Welt erklärt die Faszination des norwegischen Black Metals für eine satanische Bildsprache. Die Voraussetzung zur Entstehung einer Subkultur, wie sie sich Ende der 80er und Anfang der 90er im Norden Europas entwickelte, ist eine liberale Säkulargemeinschaft, in der es keine selbstbewusst auftretenden Wahrheitsverkünder, sondern nur noch relativistische Vertreter von ‘Sinnangeboten’ gibt. Eine Gesellschaft mit einem stark religiösen Selbstverständnis erstickte solche Tendenzen zwar nicht im Keim, jedoch fänden sie nie einen solch prominenten Platz im öffentlichen Bewusstsein oder gediehen so prachtvoll, dass sie sich zu einer ökonomischen Größe mausern könnten.
Exakt dieses Wechselspiel von Kult, Gegenkult und Liberalismus zeichnet Tief unten eindrücklich nach und tut dies so gekonnt, dass selbst wenn es sonst nichts gäbe, für das der Roman gelesen zu werden sich lohnte, (was glücklicherweise nicht der Fall ist), man ihn dennoch jedem ans Herz legen müsste, der sich für diesen Dreiklang interessiert.
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