Schlossblick

Frédéric Beigbeder – Neununddreißig neunzig (39,90)

Posted in Das Wort by schlossblick on Oktober 7, 2008

Soso, ein Skandalroman eines Skandalautors soll das nun also sein, wie der Klappentext vollmundig verspricht, ein autobiographisch geprägter Roman, der schonungslos mit der Welt der Werbung abrechnet – und für einen ebensolchen rührt er ja schon einmal ganz ordentlich die Werbetrommel, wenn etwa Michel Houellebecq oder Bret Easton Ellis als Vergleichsgrößen beschworen werden. Wird so viel Wind um den (vermeintlichen) Tabubruch, die noch nie da gewesene Grenzüberschreitung gemacht, ist dem Autor entweder der ganz große Wurf gelungen, oder es gilt, die literarischen Defizite zu kompensieren. Und leider ist es im Fall von Neununddreißig neunzig wirklich so, dass sich der angekündigte Sturm als ein, gelinde gesagt, recht laues Lüftchen, als Sturm im Wasserglas entpuppt, eine Enttäuschung also, deren Ursprung verschiedene Gründe hat.

Zuerst einmal scheint der Erzähler den Leser nicht ganz ernst zu nehmen, denn was sich als gnadenlose Abrechnung versteht, präsentiert sich allzu oft als Selbstverständlichkeit: Für wie blauäugig und gutgläubig wird der Rezipient eigentlich gehalten, wenn ihm beispielsweise offenbart wird, dass die Werbeproduzenten den Kunden nicht lieben, sondern ihn nur als Konsumenten wahrnehmen, der tunlichst zu kaufen hat? Und wer ist ernsthaft verwundert darüber, dass während des Drehs von Nahrungsmittelwerbung das fragliche Produkt von den Schauspielern nicht geschluckt, sondern sofort nach dem Cut wieder ausgespuckt wird? Und dass überbezahlte Menschen dazu neigen, den Boden unter den Füßen zu verlieren, keinen Bezug zu materiellem Wert mehr zu kennen und über all dies nicht glücklich zu sein, ist mittlerweile eines unter zahllosen populärkulturellen Topoi, die mit nicht enden wollendem Eifer von jedem “Sozialkritiker” bemüht werden. Der ganze Roman ist nun einmal dermaßen zahnlos, der Tabubruch so kalkuliert, dass letztlich keinem weh getan wird. In seinem Hang zum Anprangern und Beklagen bestehender Verhältnisse ist am ehesten eine gewisse Ähnlichkeit zu Fight Club gegeben, doch während Palahniuks Debüt vor ungebändigter Wut nur so überschäumt, kommt man bei Beigbeder nicht umhin, dem Autor zu unterstellen, dass er das potentielle Zielpublikum samt Vermarktung während des gesamten Schreibprozesses fest vor seinem geistigen Auge erblickte – denn eine andere Erklärung für die Bieder- und Beschaulichkeit, die in Neununddreißig neunzig herrscht, ist nur schwer zu finden. Dort, wo Fight Club anarchisch, wild und ungezügelt ist, macht sich bei Beigbeder ein verbissener und moralinsaurer Sozialdemokratismus breit, der vor lauter Sprachlosigkeit über “die da oben” gar nicht weiß, wie er seiner Empörung über die Ungerechtigkeiten der Welt Luft machen soll. Dass bei all dem keine große Nähe zu den eingangs erwähnten Houellebecq und Ellis besteht, dürfte auf der Hand liegen. An den Franzosen erinnern nur ein, zwei kürzere Passagen, während sich die Gemeinsamkeit mit Ellis in der sozialen Schicht erschöpft, der sich der Autor widmet: die Superreichen, Superschönen und Superunglücklichen.

Doch auch wenn der Roman seine – nicht eben geringen – Defizite hat, so ist er dennoch nicht gänzlich zu verdammen: Das Hauptproblem von Neununddreißig neunzig ist, dass er seinen Ansprüchen nicht einmal ansatzweise gerecht wird, so dass er als ernst zu nehmende Kritik nur schwer zu lesen ist; das hält ihn allerdings nicht davon ab, einfach mal so ein netter Roman für zwischendurch zu sein, wenn man gerade mal nicht wissen sollte, welchem Buch man sich als nächstes widmen will. Als Überbrückungsbuch oder leichte Ferienlektüre ist Neununddreißig neunzig fraglos eine akzeptable Wahl, zu mehr aber auch nicht. Allerdings darf wirklich nicht unterschlagen werden, dass Beigbeders vierter Roman vereinzelt sogar zu echten Höhenflügen ansetzt, etwa wenn der Erzähler folgendes ausführt:

Nun gab es aber die platonische Höhle, Fernsehen genannt, wirklich. Auf unserem Kathodenschirm konnten wir eine “Canada Dry”-Realität bewundern: Das sah aus wie Wirklichkeit, hatte die Farbe von Wirklichkeit, aber es war nicht die Wirklichkeit. Man hatte den Logos durch Logos ersetzt, die an die feuchten Wände unserer Grotte projiziert wurden. (S. 55)

Wirklich schade, dass der Roman solche Episoden nur sporadisch bereithält – denn sonst wäre er mehr als nur nett und eine passable Wartezeitverkürzung auf den nächsten Houellebecq, Ellis oder Strauß.

Follow

Bekomme jeden neuen Artikel in deinen Posteingang.