Michel Houellebecq – Gegen die Welt, gegen das Leben
Ein wunderbares kleines Büchlein ist Gegen die Welt, gegen das Leben geworden, Michel Houellebecqs Debüt, in dem sich der Franzose mit niemand geringerem als Howard Phillips Lovecraft auseinandersetzt. Über den ‘Einsiedler aus Providence’ ist bereits viel geschrieben worden, und dennoch lohnt sich der Blick in den Aufsatz aus den späten 80ern. Nicht nur vermag es der Franzose, die Essenz des Schaffens Lovecrafts ‘in a nutshell’ zu vermitteln, auch zollt er ihm als Verehrer Tribut, indem er sich ausdrücklich dazu bekennt, den ‘Mythos Lovecraft’ nicht entzaubern zu wollen (selbst wenn er es könnte, was er allerdings nicht vermag) - immerhin versteht er seinen Aufsatz als “Roman” und stellt ihn damit in die Nähe der Fiktion beziehungsweise des Traumes.
Etwas, das außer Gegen die Welt, gegen das Leben kein anderes Buch über Lovecraft leisten konnte und kann, ist, seinen Interessensgegenstand zu Houellebecq und dessen literarisches Werk in bezug zu setzen; die Geistesverwandtschaft der beiden, die vorher vielleicht vage erahnt worden sein mochte, wird während der Lektüre augenfällig. Beides Materialisten und beide ‘reaktionär’, zeichnen sie in ihren Romanen und Kurzgeschichten eine im wahrsten Sinne des Wortes menschenverachtende Welt und beschreiten dabei gänzlich unterschiedliche Wege; abgesehen vom latenten Rassismus, der den Werken beider innewohnt, spart der eine aus, was der andere betont und zum Fundament seines Schaffens erhebt: Weder Sex noch Geld spielt bei Lovecraft eine Rolle, während erstgenannter in seiner ‘freigelassen-durchökonomisierten’ Form bei Houellebecq der Quell des Leides seiner Protagonisten ist. Dass die (westliche) Welt der (Post-)Moderne ein trister Ort, ein Jammertal ohne die Hoffnung auf ein Entrinnen ist, sagen uns sowohl Houellebecq als auch Lovecraft, können sie auch deshalb mit der ihnen eigenen Vehemenz sagen, weil sie die Existenz eines Jenseits und damit die Aussicht auf eine andersweltliche Erlösung verneinen – doch während ihrer beider Prosa durch Theoretisieren (Houellebecq) und den Versuch, das Unnennbare durch minutiöse wissenschaftliche Beschreibungen zu fassen (Lovecraft), noch trostloser erscheint, als sie ohnehin bereits ist, wird beim Neuengländer wenigstens ein Hauch von Rettung erahnbar: Ästhetik ist das einzige, an das man sich in Lovecrafts Welt noch klammern kann, an die Wortkaskaden, an denen man sich als Leser geradezu berauscht und die mitreißen in einen Strudel voller Ohnmacht und Schrecknis. Auch jene Satzstürze führen nur dem Grauen entgegen, jenem, das nicht beschrieben zu werden vermag, doch sind sie verglichen mit der abgeklärt-nüchternen Sachlichkeit eines Houellebecq wahre Anker der Hoffnung, das einzige, an dem ein Aufrichten überhaupt noch möglich erscheint in einem Kosmos, in dem die Menschheit nicht einmal ein Augenaufschlag in der Ewigkeit ist. Das von Lovecraft auch außerliterarisch vertretene Ideal des Aristokraten respektive der damit verbundene Ästhetizismus sind der – wenn auch schwache – Lichtblick in einer von Dunkelheit und gnädigem Unwissen durchdrungenen Welt, eine Option, die sich Houellebecq an keiner Stelle bietet. Die für Houellebecq einzig denkbare Manifestation von Heil ist die eines Versprechens, flüchtig und uneinlösbar – flüchtig und uneinlösbar deshalb, weil eine pflichtethische Ausrichtung des Einzelnen (so Houellebecqs Prämisse), wie er sie in Die Welt als Supermarkt skizziert und die für ein dauerhaftes Glück unabdingbar wäre, in einer entgrenzten Gegenwart keine umsetzbare Grundhaltung darstellt. So bleibt dem Franzosen – anders als Lovecraft – nichts, außer sich um Rettung zu bemühen – auch wenn das zwangsläufige Scheitern von Anfang an als unverrückbares Ziel aller Bemühungen feststeht.
Michel Houellebecq – Die Welt als Supermarkt
Enttäuschung ist ein zu starkes Wort, um das Gefühl zu beschreiben, mit dem man Die Welt als Supermarkt nach beendeter Lektüre aus der Hand legt. Fraglos hat diese Sammlung nicht mehr erhältlicher Zeitungsartikel und Interviews seine großen Momente, doch finden sich zwischendurch immer wieder Durststrecken, während derer sich die Frage aufdrängt, warum sich Houellebecq überhaupt dazu entschlossen hat, die ganz kurze Form zu wählen, warum er sich darauf einließ, sich an Fesseln wie eine ihm zugestandene Zeilenzahl zu ketten – denn seine Stärke, das zeigt die Anthologie mit aller Deutlichkeit, ist das weite Ausholen, das Ausbreiten des gesagt werden Wollenden vor dem Leser, das kontextualisierende Abstrahieren und Theoretisieren, die mit einer Handlung verwoben werden, ohne dass sie durch äußere Faktoren irgendwie eingeschränkt werden müssten. So verwundert es dann auch nicht, dass es eben die längeren Texte sind, die zu überzeugen wissen, sei es die Ausführung über das Verhältnis von Poesie und Naturwissenschaft oder Houellebecqs teils stark an Baudrillard orientierte Interpretation moderner Architektur, der er Transparenz und Neutralität als Primärattribute zuschreibt, die ihr einzig deshalb innewohnten, da sie ihrer – der modernen Architektur – Aufgabe entsprächen: Knotenpunkt für einen möglichst reibungslosen Informationstransfer zu sein. Jedes einzelne Gebäude, das nach den Maßstäben moderner Architektur entworfen und realisiert worden sei, fungiere zugleich als Durchlass und Reflektor potenziell unendlich vieler Informationen, die letzthin ziellos weitergeleitet werden.
Überdies interessant sind jene Erläuterungen, die sich unmittelbar auf Houellebecqs literarisches Schaffen beziehen lassen: Wenn er beispielsweise argumentiert, dass die Annahme einer praktischen Pflicht zur Folge habe, dass das Leben so einzurichten sei, dass von der eigenen Existenz das Glück eines anderen abhänge, bietet dies einen Erklärungsansatz dafür, warum Plattform ein Roman von streckenweise überraschender Zartheit ist: Durch ihre Partnerschaft entsteht für Valerie und Michel eine gegenseitige Abhängigkeit, die zugleich die sittliche Grundlage für das gemeinsame Glück bildet; dabei handelt es sich insofern um einen ‘autarken’ Zustand, als dass er sich durch die Wechselseitigkeit der empfangenen Liebe auf der einen und der Voraussetzung des eigenen Seins als Glücksmotor des Geliebten auf der anderen Seite selbst speist – ein perpetuum mobile der Moral und Emotion.
Zu guter Letzt ist dem nicht einmal 100 Seiten umfassenden Bändchen eine Entdeckung zu verdanken, die sonst wohl noch lange hätte auf sich warten lassen: Valérie Solanas und ihr SCUM Manifesto (Society for Cutting Up Men) klingen hochgradig interessant und verdienen, dass man sich über kurz oder lang mit ihnen auseinandersetzt – und sei es als Kuriosität.
Schlecht ist Die Welt als Supermarkt also gewiss nicht, zumal sie auch einen gewissen Erkenntnismehrhwert zu bieten hat, doch vermag sie etwa Elementarteilchen schlicht nicht das Wasser zu reichen. Nett, aber nicht essentiell.
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