Schlossblick

Knut Hamsun – Segen der Erde

Posted in Das Wort by schlossblick on Oktober 7, 2008

Knut Hamsun ist eine sehr dankbare Zielscheibe: Wer selbst im Greisenalter einen Hitler “großen Reformator” nennt, der kann sich Ächtung und Anfeindung sicher sein, zumal wenn man dieses Lob auch nach dem Zusammenbruch des 3. Reiches nicht revidiert. In was für Wahngebilden sich der Literaturnobelpreisträger von 1920 auch verfangen haben mag, als er diese und andere Aussagen tätigte, sei dahingestellt, doch gehen jene gänzlich falsch, die ihm unterstellen, Hamsuns Hitler-Verehrung sei nur die logische Konsequenz des eigenen literarischen Schaffens – eine Behauptung, die besonders gerne an Segen der Erde festgemacht wird, an ebenjenem Roman, für den der Norweger die erwähnte Auszeichnung erhielt und in dem die Kritiker die Blut-und-Boden-Ideologie der NSDAP literarisiert vorausgegriffen wähnen. Das Problem ist allerdings, dass dieser Vorwurf vom Roman selbst nicht bestätigt wird, sofern man sich denn wirklich die Mühe macht, sich ihm ergebnisoffen und unvoreingenommen zu nähern.

Gewiss, Segen der Erde ist eine (im eigentlichen Wortsinne) reaktionäre Utopie, ein Versuch der Rückbesinnung und Umorientierung, nachdem der blinde Technik- und Fortschrittsglaube der Industrialisierung im Ersten Weltkrieg seine bis dato hässlichste Fratze gezeigt hat. Vor diesem Hintergrund ist es zu verstehen, wenn dem Leser, wo im Roman er auch gerade sucht, überall das Rousseau’sche Diktum “Zurück zur Natur” begegnet. Die Idealisierung des bäuerlichen Landlebens ist total, und das Identifikationsangebot, das Hamsun unterbreitet, klar auf Seiten des Ruralen zu finden – und doch gibt es einfach zu viele Brüche, ist die im Roman entworfene Gesamtkonstellation zu komplex, als dass sich Segen der Erde vor den Karren einer solch einfältigen Ideologie spannen ließe, wie manche dies glauben oder gerne hätten. Landbewohner, die in die Stadt zogen und schließlich wieder in ihre Heimat zurückkehren, mögen verzärtelt und entfremdet sein, mögen sich in Hoffahrt üben und unfähig sein, die Einsamkeit der norwegischen Weiten zu ertragen, aber dennoch ist es niemand anders als der ohnehin recht zerbrechliche und gänzlich unbäuerliche Eleseus, der dank seines in der Stadt erworbenen Wissens seinem Vater Isak bei der Reparatur der neu erstandenen Mähmaschine helfen kann, wie Eleseus bei der Bevölkerung des Ödlandes und des nahe gelegenen Dorfes ohnehin recht wohlgelitten ist: Er hat nicht nur eine deutlich höhere Bildung als seine Umgebung, sondern bringt es auch nicht übers Herz, zahlungsunfähigen Kunden seines Ladens nicht mehr anschreiben zu lassen – auf Kosten der eigenen Kaufmannsexistenz und des väterlichen Geldes. Im Unsteten seiner Natur in Kombination mit Prunksucht und der Unfähigkeit, sich als Bauer in den Kreislauf der Jahreszeiten einzufügen, steht Eleseus exemplarisch für das Bild der (ehemaligen) Städter in Segen der Erde: Das Wesentliche, das Elementare aus den Augen verloren, sind sie eher zu bemitleiden als zu verurteilen oder gar zu verdammen; sie sind die schuldlos schuldig Gewordenen, die schlicht nicht anders können, als sie tun – in eine moralische Kategorie fallen sie deshalb jedoch noch lange nicht.

Im Umkehrschluss sind die Landbewohner genauso wenig ‘gut’ wie die Städter ‘böse’ sind, so dass sich insofern eine simple Dichotomie von selbst verbietet. So sind nicht nur die beiden unsympathischsten Charaktere des Romans mit der schwatzhaften und skandalbegierigen Oline und Brede Olsen, der Axel Stroem in dessen Überlebenskampf ignoriert, zwei Landbewohner, auch Isak, der eigentliche Protagonist (selbst wenn eine Vielzahl von Schicksalen beleuchtet werden) ist weit davon entfernt, ein strahlender Held zu sein: Er ist “unendlich dumm”, wie es an einer Stelle heißt, und versteht, wenn sich Gespräche um ein anderes Thema als die Landwirtschaft kreisen, oftmals nicht, worum es eigentlich geht, so dass er mehr als einmal darauf vertrauen muss, dass andere es gut mit ihm meinen, wenn sie ihm einen Rat geben oder sonstwie helfen. Generell ist Isak ein Protagonist, der typisch für die ‘Helden’ Hamsuns sind, mit denen er die Moderne geprägt hat wie nur wenige andere: Alles andere als ein Gesellschaftsmensch, steht Isak abseits der Massen, geht seinen eigenen Weg und hat an den Geschicken und Meinungen seiner Mitmenschen kein Interesse, sobald es über den unmittelbaren Bezugsrahmen hinausgeht. Isak, ein Prototyp des Neinsagers zur Menge und zur Zeit, in der er lebt, böte als selbsterwählter Einzelgänger kaum eine günstige Fläche, um als Referenz für kollektivistische und auf die schiere Masse angewiesene Ideologien zu dienen.

Überdies darf nicht vergessen werden, dass Hamsun das Leben im Ödland keineswegs als paradiesisch oder ideal voraussetzt, sondern den Erfolg von verschiedenen Faktoren abhängig macht: Zum einen muss das Land geeignet sein, das urbar zu machen man sich entschlossen hat, und zum anderen hat man mit nimmermüdem Fleiß an die Arbeit zu gehen, um aus einem Stück Wildnis schließlich ein großes und gedeihendes Anwesen werden zu lassen. Dabei wird während des gesamten Romans das Moment des Strebens derart betont (und diejenigen, die scheitern, tun dies ob ihrer Unfähigkeit oder ihres Unwillens zur Arbeit), dass die Nähe zur protestantischen Arbeitsethik augenfälliger kaum sein kann. Anders als in ihrem originalen christlichen Kontext, verweist sie allerdings nicht auf das Jenseits, sondern verweilt ganz und gar in irdischen Gefilden, auch wenn eine romantisch-pantheistische Note, die in Pan noch stärker zutage tritt, ihr steter Begleiter ist. Arbeitsethos und Pantheismus gehen quasi Hand in Hand, bedingen einander als Konsequenz aus dem Wissen vom jeweils anderen.

Nein, Blut-und-Boden-Propaganda ist Segen der Erde keinesfalls, dafür jedoch ein vielschichtiger Roman voller Brüche und Ironie, der im Rahmen seiner Entstehungszeit zu sehen und bewerten ist.

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