Schlossblick

Michel Houellebecq – Gegen die Welt, gegen das Leben

Posted in Das Wort by schlossblick on April 6, 2010

Ein wunderbares kleines Büchlein ist Gegen die Welt, gegen das Leben geworden, Michel Houellebecqs Debüt, in dem sich der Franzose mit niemand geringerem als Howard Phillips Lovecraft auseinandersetzt. Über den ‘Einsiedler aus Providence’ ist bereits viel geschrieben worden, und dennoch lohnt sich der Blick in den Aufsatz aus den späten 80ern. Nicht nur vermag es der Franzose, die Essenz des Schaffens Lovecrafts ‘in a nutshell’ zu vermitteln, auch zollt er ihm als Verehrer Tribut, indem er sich ausdrücklich dazu bekennt, den ‘Mythos Lovecraft’ nicht entzaubern zu wollen (selbst wenn er es könnte, was er allerdings nicht vermag) -  immerhin versteht er seinen Aufsatz als “Roman” und stellt ihn damit in die Nähe der Fiktion beziehungsweise des Traumes.

Etwas, das außer Gegen die Welt, gegen das Leben kein anderes Buch über Lovecraft leisten konnte und kann, ist, seinen Interessensgegenstand zu Houellebecq und dessen literarisches Werk in bezug zu setzen; die Geistesverwandtschaft der beiden, die vorher vielleicht vage erahnt worden sein mochte, wird während der Lektüre augenfällig. Beides Materialisten und beide ‘reaktionär’, zeichnen sie in ihren Romanen und Kurzgeschichten eine im wahrsten Sinne des Wortes menschenverachtende Welt und beschreiten dabei gänzlich unterschiedliche Wege; abgesehen vom latenten Rassismus, der den Werken beider innewohnt, spart der eine aus, was der andere betont und zum Fundament seines Schaffens erhebt: Weder Sex noch Geld spielt bei Lovecraft eine Rolle, während erstgenannter in seiner ‘freigelassen-durchökonomisierten’ Form bei Houellebecq der Quell des Leides seiner Protagonisten ist. Dass die (westliche) Welt der (Post-)Moderne ein trister Ort, ein Jammertal ohne die Hoffnung auf ein Entrinnen ist, sagen uns sowohl Houellebecq als auch Lovecraft, können sie auch deshalb mit der ihnen eigenen Vehemenz sagen, weil sie die Existenz eines Jenseits und damit die Aussicht auf eine andersweltliche Erlösung verneinen – doch während ihrer beider Prosa durch Theoretisieren (Houellebecq) und den Versuch, das Unnennbare durch minutiöse wissenschaftliche Beschreibungen zu fassen (Lovecraft), noch trostloser erscheint, als sie ohnehin bereits ist, wird beim Neuengländer wenigstens ein Hauch von Rettung erahnbar: Ästhetik ist das einzige, an das man sich in Lovecrafts Welt noch klammern kann, an die Wortkaskaden, an denen man sich als Leser geradezu berauscht und die mitreißen in einen Strudel voller Ohnmacht und Schrecknis. Auch jene Satzstürze führen nur dem Grauen entgegen, jenem, das nicht beschrieben zu werden vermag, doch sind sie verglichen mit der abgeklärt-nüchternen Sachlichkeit eines Houellebecq wahre Anker der Hoffnung, das einzige, an dem ein Aufrichten überhaupt noch möglich erscheint in einem Kosmos, in dem die Menschheit nicht einmal ein Augenaufschlag in der Ewigkeit ist. Das von Lovecraft auch außerliterarisch vertretene Ideal des Aristokraten respektive der damit verbundene Ästhetizismus sind der – wenn auch schwache – Lichtblick in einer von Dunkelheit und gnädigem Unwissen durchdrungenen Welt, eine Option, die sich Houellebecq an keiner Stelle bietet. Die für Houellebecq einzig denkbare Manifestation von Heil ist die eines Versprechens, flüchtig und uneinlösbar – flüchtig und uneinlösbar deshalb, weil eine  pflichtethische Ausrichtung des Einzelnen (so Houellebecqs Prämisse), wie er sie in Die Welt als Supermarkt skizziert und die für ein dauerhaftes Glück unabdingbar wäre,  in einer entgrenzten Gegenwart keine umsetzbare Grundhaltung darstellt. So bleibt dem Franzosen – anders als Lovecraft – nichts, außer sich um Rettung zu bemühen – auch wenn das zwangsläufige Scheitern von Anfang an als unverrückbares Ziel aller Bemühungen feststeht.

Nicolás Gómez Dávila – Das Leben ist die Guillotine der Wahrheiten

Posted in Das Wort by schlossblick on August 2, 2009

Kennen gelernt vor eins, zwei Jahren durch eine wahrlich erquickende Strauß-Lektüre, setzte sich Nicolás Gómez Dávila praktisch ganz von selbst auf einen der obersten Plätze der imaginären Leseliste. Weniger dem Kommentar Strauß’ war dies geschuldet, der vom Kolumbianer meinte, er selbst könne nicht anders, als diesen mit tiefer und stiller Bejahung lesen, als viel mehr den Aphorismen, die zitiert wurden. Geschliffen und präzise, tödlich ihr Ziel treffend, so waren die von Strauß angeführten Beispiele, und so ist der Umgang mit Sprache, den Dávila in jedem einzelnen seiner Sinnsprüche an den Tag legt, so dass der Untertitel zu Das Leben ist die Guillotine der Wahrheiten. Ausgewählte Sprengsätze den Wesenskern des Schaffens Dávilas verfehlt. Nicht die ziellose Eruption einer Sprengung, die wahllos alles mit sich ins Verderben reißt, ist die passende Metapher, sondern der Attentäter, der weiß, wen er treffen will, wo er treffen will und wie er treffen will – und dies auch tut. Skalpell und Scharfschützengewehr vereint, das sind Davilas Sentenzen, die zugleich niemals Selbstzweck sind, sich nie an ihrer eigenen Größe berauschen und sich stets ihrem jeweiligen Bezugspunkt verhaftet wissen. Scholien zu einem inbegriffenen Text lautet die komplette Sammlung, aus der Das Leben ist die Guillotine der Wahrheiten lediglich einen Auszug präsentiert, und um ebendies handelt es sich auch: Kommentare und Gedanken zu Romanen, Dramen, politischen und kulturellen Diskussionen, die es tatsächlich hätte geben können (oder mitunter sogar gab), Anmerkungen, in denen der Verweis unentwegt mitschwingt, mitgedacht wird und so ein Netwerk von (potentiellen) Kontexten erschafft, die dem ganzen Projekt Rahmen und Kohärenz verleihen.

Reaktionär, katholisch und häretisch sind die drei Adjektive, die Dávila adäquat beschreiben und den Geist einfangen, der die Aphorismen durchweht. Es ist ein ständiges Kreisen um Dichotomien, das sein Denken charakterisiert: Moderne – Vormoderne, Elite – Masse, Katholizismus/Christentum – Marxismus/Bourgeoisie, Liberalismus/Demokratie – Hierarchie, Individuum/Aristokrat – der durchinstitutionalisierte moderne Staat. Bei der Bearbeitung dieser Themenfelder ist Dávila allerdings alles andere als repititiv, sondern vermag es, dem Objekt seiner Betrachtung immer wieder neue Seiten abzugewinnen und um neue Aspekte zu bereichern. Vor allen Dingen merkt man aber eines bei der Lektüre: Bücher haben das Potential, Schatzkisten zu sein, Verwahrer ungeheurer Werte, die nur darauf warten, gehoben zu werden, damit sie ihren Finder mit sich selbst beschenken dürfen. Im Falle von Das Leben ist die Guillotine der Wahrheiten heißt dies konkret, dass egal welche Seite man aufschlägt, ganz gleich, an welcher Stelle man gerade stöbert, man findet stets einen Aphorismus, den man nicht anders als in ‘tiefer und stiller Bejahung lesen’ kann. Die Probe aufs Exempel:

Seite 94:

Die Immoralität des Regierenden ist der letzte Schutz des Staatsbürgers gegen die wachsende Macht des Staates.

Vom pflichtvergessenen Beamten kann man Mitleid erhoffen, aber nicht vom Doktrinär.

S. 166:

Es gibt Regeln des guten Geschmacks, aber wir können sie nicht kennen.

Wir können sie nur anwenden.

S. 89

Früher griffen die Narren die Kirche an, heute reformieren sie sie.

S. 103:

Die breiten Volksschichten können sich jeder Idee bemächtigen, aber nicht des Verstandes, der verhindert, daß diese Idee zur Trivialität entartet.

S. 294:

Die Vortrefflichkeit eines Geistes verdankt sich zuweilen einer geduldig überwundenen Mittelmäßigkeit.

S. 43:

Der Verstand strebt zur Dummheit wie die Körper zum Erdmittelpunkt.

S. 116:

Gott in der Geschichte zu suchen ist so kindisch wie zu glauben, daß er dort nicht ist.

S. 65:

Das Glück ist ein Augenblick der Ruhe zwischen zwei Geräuschen des Lebens.

S. 186:

Kultur ist, was geboren wird, wenn sich die Seele nicht ihrem angeborenen Plebejertum unterwirft.

Wenige Zeilen genügen, um weiterzusuchen, hier zu blättern, dort zu schauen, zu sondieren, zu suchen und sich verführen zu lassen – und die eigene Herangehensweise dem Text anzupassen: konzentrisch anstatt linear zu lesen.

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