Schlossblick

Thomas Ligotti – Teatro Grottesco

Posted in Das Wort by schlossblick on Februar 11, 2011

Obgleich in Songs of a Dead Dreamer immer wieder geniale Momente aufblitzten, war Thomas Ligottis Debüt in seiner Gesamtheit doch von einer Durchschnittlichkeit, die nicht zu hoffen gestattete, was sich letztlich als Realität entpuppen sollte: dass Ligotti es in den Folgebänden vermochte, sich all des Mittelmaßes zu entledigen, das Songs of a Dead Dreamer noch durchdrang, um nunmehr das Versprechen, das er mancherorts in seinem Erstling gegeben hatte, vollumfänglich einzulösen und das Große, das Besondere sowie die mit Sprachmeisterschaft gesättigte eigene Note zu kultivieren. Der Qualitätssprung von Songs… zu Grimscribe war so augenfällig, so unerwartet in seiner Höhe, dass es nicht wunder nimmt, wenn seitdem nicht mehr von Verbesserung oder Optimierung, sondern lediglich von einer Verfeinerung gesprochen werden kann.

Wenn also in Teatro Grottesco – eine Zusammenstellung vormals in unterschiedlichen Bänden veröffentlichter Kurzgeschichten – eine (wenn auch geringe) Qualitätsfluktuation festzustellen ist, muss bedacht werden, dass jede Kritik an der Anthologie auf ein Jammern auf sehr hohem Niveau hinausläuft. Selbstverständlich finden sich stärkere und schwächere Geschichten unter den hier zusammengetragenen, doch auch jene, die vielleicht nicht an die Brillanz von etwa „In a Foreign Town, In a Foreign Land“ oder „The Red Tower“ heranreichen, sind immer noch gut genug, um anderen Autoren leichterhand die Grenzen ihres literarischen Vermögens aufzuzeigen.

Dass mittels Teatro Grottesco einzelne Phasen des Schaffens Ligottis herausgearbeitet werden können (beispielsweise jene Periode, während derer er sich primär dem corporate horror zugewandt hatte), mag auf die Fähigkeit zu einer variablen Schwerpunktsetzung auch innerhalb solch eng gesteckter Grenzen wie jener der düsteren Phantastik verweisen, hält die einzelnen Werke allerdings nicht davon ab, jeweils für sich in Inhalt und Form typische Ligotti-Erzählungen zu sein.

Typisch Ligotti, das bedeutet eine Orientierung an Poe und Lovecraft genauso wie an Kafka. Während die Mehrzahl der Geschichten in einem ganz eigenen Poe-Land angesiedelt sind – „out of space, out of time“ –, kann von ihren Protagonisten nur in Ausnahmefällen behauptet werden, dass sie tatsächlich handelnde im landläufigen Sinne seien: In eine ihnen nicht begreifbare Existenz hineingeworfen, ringen sie um ein Bestehen in einer Welt, die sich gleichermaßen ihrer Möglichkeit zur Einflussnahme sowie ihrem Verständnis entzieht und die ihrer Bewohner nur in zweierlei Hinsicht bedarf: Neben der Rolle des ausgelieferten Objekts dienen die Figuren, die Ligottis Geschichten bevölkern, zuvorderst als Zeugen, Zeugen des Unwahrscheinlichkeit und Surrealität dessen, was ihnen zuteil wird und sie wahrnehmen. Vereinzelt bar jeder Interaktion, ist der einzige Sinn mancher, Kunde zu tun, wodurch sie sich – im Rahmen des Textes – praktisch völlig auflösen und auf ihre Rezeptionsfähigkeit reduziert wiederfinden. In nur scheinbarem Kontrast dazu steht die Verspieltheit der Konstrukion, die durch inter- wie außertextuelle Bezüge bereichert wird und durch den heute bereits möglichen Blick zurück neue Deutungsmöglichkeiten aufwirft. Nicht nur werden immer wieder Bezüge zwischen einzelnen Geschichten insinuiert (ohne dass diese selbstverständlich je explizit ausformuliert würden), auch stellt sich die – aus literaturwissenschaftlicher Perspektive zu Recht mit Argwohn bedachte – Frage, ob das autobiographisch-therapeutische Moment im Werk Ligottis zumindest au Autorenperspektive nicht einen deutlich höheren Stellenwert besitzt, als der Leser dies nachzuvollziehen vermag. Für Letztere sei ein namenloser Charakter aus „The Shadow, the Darkness“ angeführt, „[an] author of the unpublished philosophical treatise An Investigation into the Conspiracy against the Human Race“ (S. 269), der Autor einer Abhandlung also, deren Titel eine frappierende Ähnlichkeit mit einer jüngst tatsächlich veröffentlichten Essay-Sammlung aufweist.

All dies bündelt Ligottis Prosa mit einer verbalen Musikalität, die ihresgleichen sucht. Inhaltlich an reine Traumgeburten gemahnend, findet das so archeypisch wie symbolisch aufgeladene Konglomerat Ligotti’schen Schaffens seine Entsprechung in Rhythmus und Klang(farbe) der Worte; leichtfüßig und intuitiv sind das eine wie das andere, und in ihrem Zusammenspiel beweist Ligotti, dass es sich bei ihm um einen der ganz Großen der phantastischen Literatur handelt. Auch wenn sie sich unterschiedlicher Subsparten annehmen (bzw. annahmen), darf man den Amerikaner auf Augenhöhe mit Ray Bradbury, J.G. Ballard und Fritz Leiber verorten.

Michel Houellebecq – Gegen die Welt, gegen das Leben

Posted in Das Wort by schlossblick on April 6, 2010

Ein wunderbares kleines Büchlein ist Gegen die Welt, gegen das Leben geworden, Michel Houellebecqs Debüt, in dem sich der Franzose mit niemand geringerem als Howard Phillips Lovecraft auseinandersetzt. Über den ‘Einsiedler aus Providence’ ist bereits viel geschrieben worden, und dennoch lohnt sich der Blick in den Aufsatz aus den späten 80ern. Nicht nur vermag es der Franzose, die Essenz des Schaffens Lovecrafts ‘in a nutshell’ zu vermitteln, auch zollt er ihm als Verehrer Tribut, indem er sich ausdrücklich dazu bekennt, den ‘Mythos Lovecraft’ nicht entzaubern zu wollen (selbst wenn er es könnte, was er allerdings nicht vermag) -  immerhin versteht er seinen Aufsatz als “Roman” und stellt ihn damit in die Nähe der Fiktion beziehungsweise des Traumes.

Etwas, das außer Gegen die Welt, gegen das Leben kein anderes Buch über Lovecraft leisten konnte und kann, ist, seinen Interessensgegenstand zu Houellebecq und dessen literarisches Werk in bezug zu setzen; die Geistesverwandtschaft der beiden, die vorher vielleicht vage erahnt worden sein mochte, wird während der Lektüre augenfällig. Beides Materialisten und beide ‘reaktionär’, zeichnen sie in ihren Romanen und Kurzgeschichten eine im wahrsten Sinne des Wortes menschenverachtende Welt und beschreiten dabei gänzlich unterschiedliche Wege; abgesehen vom latenten Rassismus, der den Werken beider innewohnt, spart der eine aus, was der andere betont und zum Fundament seines Schaffens erhebt: Weder Sex noch Geld spielt bei Lovecraft eine Rolle, während erstgenannter in seiner ‘freigelassen-durchökonomisierten’ Form bei Houellebecq der Quell des Leides seiner Protagonisten ist. Dass die (westliche) Welt der (Post-)Moderne ein trister Ort, ein Jammertal ohne die Hoffnung auf ein Entrinnen ist, sagen uns sowohl Houellebecq als auch Lovecraft, können sie auch deshalb mit der ihnen eigenen Vehemenz sagen, weil sie die Existenz eines Jenseits und damit die Aussicht auf eine andersweltliche Erlösung verneinen – doch während ihrer beider Prosa durch Theoretisieren (Houellebecq) und den Versuch, das Unnennbare durch minutiöse wissenschaftliche Beschreibungen zu fassen (Lovecraft), noch trostloser erscheint, als sie ohnehin bereits ist, wird beim Neuengländer wenigstens ein Hauch von Rettung erahnbar: Ästhetik ist das einzige, an das man sich in Lovecrafts Welt noch klammern kann, an die Wortkaskaden, an denen man sich als Leser geradezu berauscht und die mitreißen in einen Strudel voller Ohnmacht und Schrecknis. Auch jene Satzstürze führen nur dem Grauen entgegen, jenem, das nicht beschrieben zu werden vermag, doch sind sie verglichen mit der abgeklärt-nüchternen Sachlichkeit eines Houellebecq wahre Anker der Hoffnung, das einzige, an dem ein Aufrichten überhaupt noch möglich erscheint in einem Kosmos, in dem die Menschheit nicht einmal ein Augenaufschlag in der Ewigkeit ist. Das von Lovecraft auch außerliterarisch vertretene Ideal des Aristokraten respektive der damit verbundene Ästhetizismus sind der – wenn auch schwache – Lichtblick in einer von Dunkelheit und gnädigem Unwissen durchdrungenen Welt, eine Option, die sich Houellebecq an keiner Stelle bietet. Die für Houellebecq einzig denkbare Manifestation von Heil ist die eines Versprechens, flüchtig und uneinlösbar – flüchtig und uneinlösbar deshalb, weil eine  pflichtethische Ausrichtung des Einzelnen (so Houellebecqs Prämisse), wie er sie in Die Welt als Supermarkt skizziert und die für ein dauerhaftes Glück unabdingbar wäre,  in einer entgrenzten Gegenwart keine umsetzbare Grundhaltung darstellt. So bleibt dem Franzosen – anders als Lovecraft – nichts, außer sich um Rettung zu bemühen – auch wenn das zwangsläufige Scheitern von Anfang an als unverrückbares Ziel aller Bemühungen feststeht.

Robert W. Chambers – The King in Yellow

Posted in Das Wort by schlossblick on Dezember 29, 2009

Um welche Kunst es sich auch handelt: Dass sich im Windschatten der Großen stets Namen durch die Kulturgeschichte bis in die Gegenwart bahnen, die diesen Weg aus eigenen Kräften nie bewältigt hätten, ist ein allenthalben festzustellenden Phänomen. Unumgänglich scheint, dass sich unter diesen ‘Mitgezogenen’ vor allem kleine Fische tummeln, angesichts deren Schaffen es nicht weiter verwundert, dass sie nur von geringer bis gar keiner Bedeutung für das kulturelle Gedächtnis sind. Zwar gibt es auch die anderen, die vergessenen Genies und tragisch Verkannten, doch nimmt sich deren Zahl zum Heer der Epigonen vergleichsweise bescheiden aus.

Im Falle Lovecrafts zum Beispiel finden sich neben diversen Querverbindungen auf gleicher Augenhöhe – genannt seien an dieser Stelle nur Robert E. Howard und Clark Ashton Smith- zwei Namen, die ohne den ‘Einsiedler aus Providence’ wohl niemandem mehr geläufig wären: August Derleth, dessen Verlagstätigkeit gar nicht überbewertet werden kann (sein literarisches Werk hingegen sehr wohl), und Robert W. Chambers, der nicht zuletzt insofern aus dem Rahmen fällt, als dass er derjenige war, der den Großen (also Lovecraft) inspirierte, und nicht umgekehrt.

Hastur, Carcosa und das Gelbe Zeichen entstammen als Begrifflichkeiten samt und sonders Chambers’ Anthologie The King in Yellow, die Lovecraft selbst wohlwollend, aber nicht kritiklos besprochen hat. Wenn er etwa feststellt, “[the compilation] really achieves notable heights of cosmic fear in spite of uneven interest and a somewhat trivial and affected cultivation of the Gallic studio atmosphere” (S. 7), hat er das wesentliche Problem der Kurzgeschichtensammlung auf den Punkt gebracht und überdies eine Zurückhaltung in seinem Urteil walten lassen, die nicht vonnöten gewesen wäre. Fakt ist nämlich, dass Chambers mit “The Repairer of Reputation”, “The Demoiselle d’Ys” und “The Street of the First Shell” drei rundherum gelungene Geschichten verfasste; Fakt ist allerdings auch andererseits, dass die übrigen Texte nicht mehr als bloßes Füllmaterial darstellen, deren Lektüre mal langweilt, mal zu schierem Ärgernis ausartet. Letzteres ist umso bedauernswerter, als dass gerade die drei genannten Erzählungen von dem Potenzial zeugen, das im Rest des Bandes vergeudet wurde. Während “The Repairer of Reputation” nicht nur dem Titel nach einem Thomas Ligotti zur Ehre gereicht hätte, stellt sich “The Demoiselle d’Ys” als tagtraumhaft-unwirkliche Herbstmelancholie heraus; “The Street of the First Shell” schließlich beschwört die klaustrophobische Atmosphäre eines von Preußen belagerten Paris’. Gerade diese Geschichte beweist, dass die Scheidelinie zwischen gelungenen und missratenen Partien in The King in Yellow nicht auf der Grenze von Phantastik und Nicht-Phantastik verläuft, sondern dass es sich bei Genre- und Qualitätszuordnungen um zwei voneinander unabhängige Kategorien handelt. Nicht zu leugnen ist in diesem Zusammenhang jedoch, dass es genau jene Geschichten sind, die sich in den Banalitäten und im Klein-Klein eines Lebens als Pariser Bohéme ergehen, die die Geduld auch des interessierten Lesers in besonderem Maße auf die Probe stellen: zäh und ziellos fließen sie vor sich hin, wissen mit sich selbst nichts so recht anzufangen und sind schon ob dieser Ratlosigkeit außerstande, jemanden für sich einzunehmen. Ebendiese mitunter sehr träge und jeden Lektürefluss hemmende Unentschlossenheit lässt The King in Yellow in seiner Gesamtheit nur für jene eine Bereicherung werden, die während des Lesens eine ‘kulturhistorische Brille’ aufsetzen können, um beispielsweise mit Chambers’ Hilfe Lovecrafts Werk besser zu verstehen und nachzuvollziehen. Abseits einer solchen Archäologie sollte aber nicht vergessen werden, dass es – Kontextualität hin oder her – drei Kurzgeschichten in The King in Yellow gibt, die aus sich selbst heraus zu bestehen wissen und genossen werden dürfen, ohne dass man deshalb auch die weniger gelungenen Exempel Chambers’scher Verbalartistik zu würdigen hätte.

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